Berlin : Voll breit

-

VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies über

die stumpfen Zähne der Berliner Parkkralle

Eine spezielle Berliner Macke besteht darin, dass Sachen, die anderswo prima laufen, hier noch lange nicht funktionieren müssen. Könnte ja jeder kommen! Erfände heute ein Tüftler irgendwo draußen zum Beispiel das Rad und hätte damit weltweiten Erfolg, dann würden wir in Berlin erst einmal ein Planfeststellungsverfahren anordnen, dieses unter Formfehlern ersticken und dann ein Jahrzehnt lang mit erbosten RechteckBürgerinitiativen verhandeln. Gut, dass das motorgetriebene Fahrzeug hier schon vor rund einem Jahrhundert eingeführt wurde; heute hätte es in Berlin keine Chance mehr.

Die Sache mit der Parkkralle zwecks Eintreiben der Kfz-Steuer funktioniert anderswo ohne Probleme. Deshalb ahnten Berlin-Kenner, dass sie hier garantiert in die Hose gehen würde. Denn welches Auto wird der typische Berliner Nichtsteuerzahler wohl lenken? Einen Astra oder 3er BMW mit voll krassen Breitschlappen natürlich – deswegen hat er ja keine Kohle mehr fürs Finanzamt. Es kam also, was kommen musste: Die Kralle passt nicht auf die Reifen, der Steuersünder gibt quietschend Gummi und verschwindet.

Sehr hübsch ist auch die Erkenntnis, dass Autos im Halteverbot nicht festgekrallt werden können, weil sie vorher abgeschleppt werden müssten, was wiederum Kosten verursacht. Statt der Kralle gibt es dann also ein Knöllchen, das auch nicht bezahlt wird. Professionelle Steuervermeider ziehen folglich die breitesten Reifen auf, die sie kriegen können, parken im Halteverbot und grinsen sich eins. Bis sie eines Tages ein neues Auto zulassen wollen und vorher ihre Schulden zahlen müssen. Oder nicht? Es wäre ein Wunder, wenn ausgerechnet dieses System in Berlin klappen würde. (Seite 12)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben