Berlin : Volle Energie für die Einheit

1989 war Mauerfall: Verbunden wurde das Stromnetz genau vor sechs Jahren Das Kernstück bildet das längste und teuerste Starkstromkabel Deutschlands

Carmen Voigt

So oft ist er die Stufen bis zum Eingang hinuntergestiegen, hat die beiden Sicherheitstüren geöffnet und hinter sich wieder ins Schloss fallen lassen. Der Geruch von Beton, der Lärm der Lüftungsanlage, das kratzend-metallische Geräusch, wenn er über die Gitterböden die Treppe weiter hinuntergeht in Berlins Unterwelt – eine vertraute Umgebung für Dietmar Obst. Wenn der Diplom-Ingenieur des Energieversorgers Vattenfall heute seinen gewohnten Dienstweg antritt, wird er sich vielleicht an den 6. November 2000 erinnern. Heute vor sechs Jahren wurde das geteilte Stromnetz von Ost- und West-Berlin wieder vereinigt.

Das Band der Einheit liegt hier unten im Tunnel am Umspannwerk Friedrichshain. Es ist das längste 380-Kilovolt-Drehstromkabel der Bundesrepublik und die teuerste Stromleitung Deutschlands. Sie führt in zwei Tunnelabschnitten quer durch die Stadt – von Mitte nach Friedrichshain und von dort nach Marzahn. Dietmar Obst war dabei, als die damalige Bewag im Jahr 2000 die letzte Lücke zwischen dem Umspannwerk in Prenzlauer Berg und dem neuen Werk Marzahn schloss. „Ein historischer Augenblick“, erinnert er sich, „und der Lohn für jahrelange harte Arbeit an einem Projekt, das es in dieser Form bis dahin nicht gegeben hatte.“ Dietmar Obst kennt den Tunnel wie sein eigenes Wohnzimmer. Die technischen Daten kann er im Schlaf aufsagen: sechs 380-Kilovolt-Kunststoffkabel mit einem Gewicht von 30 Kilogramm pro Meter, die durch eine Betonröhre mit drei Metern Innen- und 3,60 Meter Außendurchmesser in 24 bis 36 Metern Tiefe laufen – Kosten der gesamten Anlage 120,6 Millionen Euro.

Besucher führt der Ingenieur gern mitten in den Tunnel hinein. Dort lässt er sie die Brandschutzschicht der einzelnen Kabel berühren und dem Widerhall seiner Stimme in der dunklen Betonröhre lauschen, wenn er Beatrix vorstellt, den Tunnelabschnitt direkt am Umspannwerk Friedrichshain. Beatrix? „So heißt die Frau eines unserer Vorstände. Sie durfte damals den Abschnitt, so wie das im Bergbau üblich ist, taufen“, erklärt Obst. Welche der Vorstandsgattinnen das war, weiß der Ingenieur heute nicht mehr. Dafür erinnert er sich genau an das Jahr, in dem der erste Tunnelabschnitt von Mitte nach Friedrichshain in Betrieb ging: 1998 – acht Jahre nach den ersten Überlegungen zum Trassenbau.

Bis zu 20 Mitarbeiter saßen bis dahin zusammen, brüteten über Bauplänen und Versuchsanordnungen. „Es gab so viel zu bedenken“, erinnert sich Dietmar Obst. Den Verlauf der U-Bahn-Röhre am Potsdamer Platz zum Beispiel, den Grundwasserspiegel oder Statik-Probleme bei der Unterquerung von Gebäuden. „Da mussten einige Ortstermine mit Gutachtern gemacht werden, damit uns nicht hinterher ein Hauseigentümer alte Gebäudeschäden in die Schuhe schiebt. Den Keller vom Café Moskau haben wir damals zusätzlich gestützt. Sicher ist sicher.“ Dass die Ingenieure bei den Probebohrungen in 50 Metern Tiefe über weite Strecken der geplanten Trasse auf Braunkohle stießen, kam zwar überraschend, hatte für den Bau allerdings keine Konsequenzen.

Schon bald nach den ersten Plänen rückten die Kabelhersteller an – sechs an der Zahl – ihre Ware musste einen ein Jahr lang andauernden Härtetest in einer Versuchsanordnung in Mailand standhalten. Nur ein Kabel hielt durch. Damit der Hersteller am Ende aber nicht den Preis diktierte, mussten die ihre Kabel noch einmal nachbessern, bis schließlich ein weiterer Test entschied, wer die 700 Meter langen Teilstücke liefern würde. In Berlin drehten sich derweil schon die Bohrer, die Zeit drängte. Das Kabel wurde über unzählige Rollen Stück für Stück in den Tunnel gewuchtet. „Dann kam das große Kribbeln – die Generalprobe“, erinnert sich Frank Kowalowski, Leiter der Abteilung Netzservice Hochspannung bei Vattenfall. Sechs Wochen lang mussten sich die Planer gedulden, bevor sie wussten, ob ihr Konzept aufgegangen war. So lange dauerte der letzte Test vor Inbetriebnahme. „Das Projekt war eine Art Mondlandung“, sagt Wilfried Fischer, Generalmanager bei Vattenfall. Und sie glückte.

Berlins Stromtunnel hat seither große Beachtung gefunden. Ingenieure aus aller Welt sind mit Dietmar Obst die Betonstufen hinunter in den Tunnel gestiegen, um Beatrix einen Besuch abzustatten. In London gibt es inzwischen einen ähnlichen Tunnel, auch Singapur und Australien haben Interesse angemeldet. Wenn die Kabel in 30 oder35 Jahren erneuert werden müssen, wird Dietmar Obst nicht mehr im Dienst sein. Die Stromtrasse aber wird wohl auch im Rückblick eines der ehrgeizigsten Projekte des Berliner Energieversorgers sein. Und für den Ingenieur der Job seines Lebens.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben