Berlin : Volle Pulle

Jens Mühling

O tempora, o mores!“, beklagte schon Cicero den Zeiten- und Sittenwandel. Als stressgeplagter Zeitgenosse möchte man heute präzisieren: O tempora, o tempo! Denn wer kennt es nicht, dieses Gefühl, dass alles immer schneller wird? Vor 1914 habe es in Berlin „nur vier Standardgeschwindigkeiten“ gegeben, schrieb einst der Journalist Walther Kiaulehn: „Fußgänger fünf, Straßenbahn 14, Autobus 16 und Untergrundbahn 25 Stundenkilometer“. Damit kam man aus – aber nicht lange: „Der Berliner hat keine Zeit“, stellte Kurt Tucholsky kurz nach Kiaulehn fest. Und präzisierte: „Der Berliner kommt meist aus Posen oder Breslau und hat keine Zeit.“ Woher jener Autofahrer kam, der gestern auf der Stadtautobahn mit Tempo 186 erwischt wurde, ist nicht überliefert. Die Polizei teilt lediglich mit, der Mann sei erstaunt gewesen, dass sein Auto überhaupt so schnell fahre. Man stutzt: Es handelte sich um einen Mercedes C 320. Aber, o tempora, o tempo, auch die Fehleinschätzung der eigenen Geschwindigkeit ist laut Tucholsky typisch Berlinerisch: „Diese Stadt zieht ihren Karren im ewig selben Gleis. Und merkt nicht, dass sie nicht vom Fleck kommt.“ (Seite 13)

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