Berlin : Vollendet in die Vergangenheit

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Ach, es ist ein Kreuz mit der Grammatik. Manch einer weiß offenbar gar nicht mehr, dass man sie braucht, um sich verständlich zu machen. Jedes Kind kann zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft unterscheiden. Doch Erwachsene bringen bedenkenlos die Zeiten durcheinander.

„Nachdem wir die Einheit herstellen konnten…“, sagte Parlamentspräsident Walter Momper neulich in einer Parlamentsdebatte, in der er für die SPD sprach. Wer hat ihm eingeredet, „nachdem“ sei mit dem Imperfekt zu benutzen? Nachdem schreit doch nach dem Plusquamperfekt, denn es zeigt die vollendete Vergangenheit an. Nachdem wir die äußere Einheit erreicht hatten, bekamen wir es mit den Problemen der inneren Einheit zu tun. Ein Kapitel war abgeschlossen, das nächste begann und ist noch nicht abgeschlossen, sondern reicht in die Gegenwart hinein. Es hat also seinen Sinn, dass es drei Formen der Vergangenheit gibt, nämlich Imperfekt, Präteritum und Plusquamperfekt.

Seitdem wir die äußere Einheit haben, beschäftigt uns die innere Einheit. Seitdem Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister ist, macht er oft als König Lustig von sich reden. Manche behaupten: Nachdem er Regierender Bürgermeister ist, fällt er nur noch als Amüsierwurzel auf. Das ist ein Irrtum, zumindest sprachlich. Das Wort nachdem wird zeitlich gebraucht, taugt aber nicht zur Beschreibung von Verhaltensweisen. Es lebe der feine Unterschied zwischen nachdem und seitdem.

Im Gegensatz zu denen, die den Plusquamperfekt ignorieren, meint es Wowereit zu gut mit der vollendeten Vergangenheit. „Sie hatten das Thema abgehandelt gehabt“, bemerkte er vor dem Parlament. Damit hat er sich als Berliner typisch berlinisch ausgedrückt, aber doppelt gemoppelt ist eben falsch. Haben wird als Hilfsverb für die Konjugation – hier von abhandeln – benötigt, doch bitte nur ein Mal. Wowereit hatte sich geirrt, nicht etwa geirrt gehabt. Anders verhält es sich, wenn haben als Zeitwort für sich steht. Sie hatte Pech gehabt.

Auch der Unterschied zwischen der Möglichkeits- und der Wirklichkeitsform ist vielen offenbar gleichgültig. „Es wird uns nicht helfen, wenn die Imame ihre Tiraden auf Deutsch ablassen müssten“, bekundete Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann in einer Parlamentsdebatte zur Integrationspolitik. Gewiss unterstellt er nicht jedem Imam, sondern Hasspredigern „Tiraden“, doch das nebenbei. Noch wird in den Moscheen nicht deutsch gepredigt. Folglich würde es nach Auffassung Ratzmanns nicht helfen, falls man sich dort der deutschen Sprache bedienen müsste. Uns allen aber wäre geholfen, wenn wir sorgfältig mit unserer Muttersprache umgingen.

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