Berlin : Volles Risiko beim Kofferzocken

Die Lufthansa versteigert herrenloses Gepäck

Thomas Loy

Der Mann in Grau verstellt sich. „Bin nur Tourist.“ Was nicht gelogen ist. Doch seine Tarnung hält nicht lange. Der Auktionator hat ihn zweifelsfrei identifiziert. „Ein Dauerkunde“, einer aus der Rhein-Main-Kofferclique, die sich regelmäßig an Orten trifft, wo herrenlose Koffer, Reisetaschen, Buggys und Surfbretter auf einem Haufen liegen. Davor sitzt dann immer „Wendt, Vorname Heinz-Dieter“, der Auktionator, ein kräftiger Mann im Poloshirt. Wendt bringt jedes Jahr 8000 Fundsachen der Lufthansa unters gierige Volk. Gierig deshalb, weil niemand weiß, was in den Koffern steckt, und jeder hofft, es mögen Diamanten sein. Eben haben sie noch brav eingekauft im Shoppingcenter Gropiuspassagen, jetzt wollen sie zocken.

Für einen normalen Rollenkoffer liegt das Mindestgebot bei 50 Euro, doch rasend schnell haben sich die Spielsüchtigen auf 140 Euro hochgeschraubt. Wendt liebt die Berliner. Von fünf Koffern sind drei Nieten, besagt Wendts persönliche Statistik, also voll mit ungewaschenen Klamotten. Ein Koffer bringt ungefähr den Wert, den er gekostet hat, einer liegt darüber. Man sollte sich nie vom äußeren Erscheinungsbild blenden lassen, weiß der Mann in Grau. „Es gibt keine Regel. Das ist wie Wundertüte für Erwachsene.“

Beim ersten Mal zieht Jens Lembke eine Niete. Er war aber nicht volles Risiko gegangen. Eine Assistentin von Wendt hatte regelwidrig den Reißverschluss ein wenig geöffnet, die Nase reingesteckt und sich mit der Hand Frischluft zugewedelt. „Wo sind die Schnüffler?“, rief Wendt, der gerne mal den Komiker gibt. Lembke, Bankkaufmann und Gelegenheitszocker, vermutet eine Finte und hebt sein Bieterschild bei 50 Euro. Dafür hat er jetzt eine Smokinghose, schwarz, eine lange Unterhose, braun, und einen Fleecepully bekommen – nur passt ihm nichts davon. Lembke wagt einen zweiten Versuch, weil er heute Geburtstag hat und sich überraschen will. Diesmal investiert er 100 Euro und landet einen Treffer. Aus einem abgenutzten Nylonkoffer zieht er schrillbunte Kostümteile für eine Folkloretänzerin. Was er damit anfangen soll, weiß er nicht, trotzdem sieht er glücklich aus.

Angelika Kreling, Angestellte aus Heiligensee, hat für 150 Euro einen gut aussehenden Koffer erstanden und packt ihn unter reger Anteilnahme der Umstehenden aus. Ein paar nette Tops finden sich, verzierte Unterwäsche, Häkelblusen, Fön, Lockenstab und Handtuch. Sie ist zufrieden. „Der Koffer ist okay.“ In die Klamotten müsste sie sich allerdings „hineinhungern“. Ihr Mann ist amüsiert, fühlt sich aber auch ein wenig betrogen. „Alles Schrott.“ Übrigens: Schwarzgeldkoffer werden leider nicht zur Versteigerung gebracht – es sei denn, das Geld ist im doppelten Boden versteckt.

Versteigert wird auch heute wieder von 12 bis 20 Uhr in den Gropiuspassagen

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