Berlin : Vom Ball zum Bär

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad

über die neuen Leiden des Sisyphus

Ende April war der Gipfel des Berges fast erreicht. Mühsam, Zentimeter um Zentimeter, wurde die steinerne Kugel nach oben gerollt. Ein paar Handgriffe noch, dann würde sie dort liegen auf ewig. Doch da begann es wieder zu knirschen, die riesenhafte Pille wurde schwerer und schwerer, kippte seitlich weg – und donnerte unter einer Staubwolke nach unten. Alles umsonst, wie üblich.

Als die alten Griechen sich den Mythos von Sisyphus ausdachten, konnten sie nicht ahnen, wie sehr der Steinball einige tausend Jahre später seine Form ändern würde. Sehr weich und flauschig fühlte er sich nun an, pelzig mit großflächiger schwarzweißer Musterung, dazu eine nicht zu spitze Schnauze, dunkle Augen, vier Tatzen – tatsächlich, der Ball war zum Bären geworden, zum Panda, um genau zu sein. Diverse Leute hatten damit jahrein, jahraus ihre Mühe. Vor allem bestand sie in Warten, ein knappes Jahr lang, bis es wieder ans Rollen ging, immer bergauf, bis kurz vor der Spitze alles zurückging auf Null.

„Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen“, hat Albert Camus behauptet, aber was wusste der schon von den Nöten Berliner Zoologen. Diesen Heroen der Vergeblichkeit, geknebelt durch die Bedingungen des PandaLeihverkehrs, die nun mal unermüdliche Bemühungen um ein neues Bärlein verschreiben. Soll das, darf das so weiter gehen? Bis ins Panda-Greisinnenalter? Nie und nimmer! Ihr Pandas der Welt, traut nie dieser Stadt. Freiheit für Yan Yan und Bambussalat für alle!

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