Berlin : Von der Musikschule direkt aufs Sozialamt

Kein Zurück bei Kündigungen für Reinickendorfer Lehrer

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Die umstrittene Entlassung von rund 40 freiberuflichen Lehrern könnte die Reinickendorfer Musikschule weiter ins Abseits bringen. „Jeder, dem es möglich ist, wird versuchen, den Unterricht auf privater Ebene fortzusetzen“, sagte der Vorsitzende des Berliner Musikschulbeirates, Christian Höppner. Erst kürzlich hatte der Bezirk weitere 250 000 Euro an Zuschüssen gestrichen, nachdem die Bildungsstätte wegen stark rückläufiger Schülerzahlen ihren Etat ohnehin nicht mehr ausgenutzt hatte.

Wie berichtet, hatte Musikschulleiter Werner Kopp allen 140 Lehrkräften die bestehenden Honorarverträge gekündigt. Nur etwa 100 von ihnen bekamen die nach einer Senatsvorgabe neuen Einheitsverträge angeboten. Stadtrat Thomas Gaudszun (SPD) rechtfertigte die mit der Vertragsumstellung vorgenommene „qualitative Evaluation“ des Personals. Da die geschassten Pädagogen noch nicht einmal Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, bleibt den meisten von ihnen nur der Weg zum Sozialamt. Gaudszun sagte unterdessen zu, jede ausgesprochene Kündigung nochmals zu prüfen. An der Lage ändere dies jedoch nicht.

Carsten Gerlitz ist einer der Betroffenen. Seine „unzureichende“ Qualifikation besteht aus einem Studienrats-Staatsexamen in Musik und Informatik. Er ist unter anderem Autor zahlreicher Fachbücher, mit denen auch in Reinickendorf viele Musikschullehrer arbeiten. Doch schon vor Jahren hat er Kopps Führungsstil kritisiert. „In einem von Misstrauen, Angst und unkollegialem Verhalten geprägten Klima wird es immer schwieriger werden, neue Schüler und kompetente Lehrkräfte zu werden“, schreibt Gerlitz jetzt in einem offenen Brief.

Der Leiter der Fachgruppe Musik der Gewerkschaft Verdi, Andreas Eschen, spricht von „Führungsstil nach Gutsherrenart“. Kritische Lehrer wären seit Jahren herausgeworfen, zur Kündigung gezwungen oder bei der Schülervermittlung übergangen worden. Die neuen Entlassungen erfolgten ohne Vorgespräch und seien eine Missachtung der Schutzbedürfnisse von „arbeitnehmerähnlichen Personen“.

Christian Höppner ist „entsetzt über die Art und Weise, wie hier mit langjährigen, bewährten Lehrkräften umgegangen wird“. In den meisten Bezirken kommen die neuen Verträge nur bei Neuverpflichtungen zur Anwendung. In Reinickendorf werde offenbar „eine kalte Privatisierung“ betrieben. Seinem Kollegen Kopp wirft der Leiter der Musikschule Charlottenburg vor, „in keiner Weise kommunikationsbereit“ zu sein“. Rainer W. During

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