Berlin : Von der Straße auf den Laufsteg und zurück

Modemesse „Bread & Butter“ mit 250 Firmen im Kabelwerk Tegel

Susanna Nieder

Mit weißen Klecksen garnierte Jeans, Piercing im Nabel, knappe Bluse – der Aufzug mag nicht elegant im Sinne des Finanzsenators Thilo Sarrazin sein. An einer selbstbewussten schlanken jungen Frau kann er aber verdammt knackig aussehen. Mode muss ja nicht zwangsläufig Haute Couture oder Mailänder Eleganz bedeuten. Dass sie auch aus dem Impuls heraus entstehen kann, es bequem zu haben und sich nicht um traditionelle Kleiderordnungen zu scheren, sieht jeder, der an diesem Wochenende in den Sog der Modemesse „Bread and Butter“ gerät. Schon auf dem Weg von der U-Bahn zum Siemens-Kabelwerk in Tegel fallen ungewöhnlich viele modebewusst gekleidete Menschen auf. Sie sprechen Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch und ziehen Köfferchen auf Rädern hinter sich her. Wer älter ist als 30, lässt es sich nicht anmerken, denn hier geht es um Streetwear, und die ist jung, jung, jung.

Mit rund 20 000 Einkäufern aus dem In- und Ausland rechnet Karl-Heinz Müller, Initiator und mit Wolfgang Ahlers und Kristyan Geyr Chef der Modemesse. Das ist selbst für die „Bread and Butter“ viel, die vor drei Saisons in Köln gegründet und im letzten Sommer von 10 000 Einkäufern besucht wurde. Für Berlin aber ist es sensationell, denn bislang ignorierte die Branche – zumal die internationale – die Stadt weitgehend.

250 Firmen präsentieren sich seit Freitag für drei Tage, darunter internationale Schwergewichte wie Nike, Levi’s, Adidas. Mindestens ebenso interessant sind umtriebige kleine Labels wie die Berliner Dessous-Designer „Viva Maria“ oder „Kickers“, der französische Kultschuhfabrikant aus den siebziger Jahren. Zusätzlich gibt es die so genannte „Offshow“ im Staatsratsgebäude, die für 42 kleine Labels reserviert ist und beim nächsten Mal doppelt so groß werden soll.

Zur Streetwear gehört Spaß; in den alten Werkhallen herrscht das Gegenteil von steriler Messeatmosphäre. An einem Stand stehen zwei alte VW-Busse, abfahrtbereit zur Safari, auf dem nächsten prangt ein riesiger Elchkopf über Blockhauswänden, viele haben schicke Bars mit Knabberkram und Cocktails. Der Look ist vorwiegend sportlich, cool, jung, eben Streetwear, es gibt aber auch Labels wie „Lindbergh“, eine Linie des nordrhein-westfälischen Textilherstellers Brinkmann, die wagemutige Männer in Paillettenhemden, extra geknautschte Nadelstreifen oder Schlangenhautoptik stecken. Ein solcher Stil ist sonst eher auf der „Premium“ vertreten, der zweiten Modemesse, die an diesem Wochenende in Berlin stattfindet.

Und alle sind sie nach Berlin gekommen, weil hier die Streetwear zu Hause ist. Weil die Atmosphäre und Lebendigkeit der Stadt bei jungen Menschen schon seit Jahren hoch im Ansehen steht. Die nächste „Bread and Butter“ steigt im Juli und das, wenn möglich, im ehemaligen Palast der Republik. Zwar ist sie nicht offen für Publikumsverkehr, aber auf das modische Leben der Stadt kann sich der Zulauf von Fachbesuchern und Presse nur positiv auswirken.

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