Berlin : Von Hongkong nach Babelsberg Die Spuren des Drachen: Jackie Chan blickt zurück

Andreas Conrad

Eine Ahnung war da. Nur Unbestimmtes, nicht, welches Geheimnis sein Vater denn so sorgsam verbarg. Aber es war schon merkwürdig, dass er mehrfach Sachen gekauft und nach Rot-China geschickt hatte. Und dann kam plötzlich ein Brief : „An meinen lieben Vater.“ Wer sollte den geschrieben haben? Der einzige Sohn war doch er, Jackie Chan. Fragen wich der Vater aus.

Später ist er doch einmal ins Büro des Sohnes gekommen, um ihm sein Geheimnis zu eröffnen. Er selbst lebe vielleicht nicht mehr lange, und Jackie solle es doch wissen, dass er zwei Halbbrüder und zwei -schwestern besitze. „Damals war ich geschockt“, erzählt Chan. Aber er war zu sehr Profi, um nicht gleich auch zu denken: „Warum machen wir aus der Geschichte keinen Film?“

Einen voller Gewalt, Verzweiflung und Leid, aber auch voller Liebe, Vertrauen, Hingabe. Ein Stoff, aus dem große Hollywood-Filme entstehen könnten, Epen wie „Vom Winde verweht“ oder „Doktor Schiwago“. Aber so sehr abgebrühter Profi ist Chan nun wiederum nicht, dass er seine Familie dem Kassenerfolg opfern würde. „Traces of the Dragon: Jackie Chan and his Lost Family“ ist ein Dokumentarfilm, nichts womit sich das große Publikum anlocken ließe, ein Zusammenschnitt aus Interviews, Filmdokumenten, nur eingeleitet mit einem rasanten Zusammenschnitt aus den akrobatischen Actionszenen, für die Chan berühmt wurde. Der Vater, zuvor im Dienst der Nationalchinesen, hatte nach dem Sieg der Kommunisten nach Hongkong fliehen müssen, die beiden Söhne waren zurückgeblieben. Seiner späteren zweiten Frau war es ähnlich ergangen.

Zunächst solltes es nur ein besseres Familienvideo werden, immerhin mit Mabel Cheung als eigener Regisseurin. Aber dann spürte er, dass es hier um mehr gehe, um die chinesische Kultur und Geschichte, all das, was die zerrissene Nation im letzten Jahrhundert ertragen musste, japanische Invasion, Bürgerkrieg, Kulturrevolution, zuletzt dann doch die Öffnung des Landes, den Anschluss Hongkongs, der aber wieder viele Familien und Freundschaften zerriss. Das Schicksal seiner Familie erscheint Jackie Chan als typisch, nicht auf sie begrenzt, „deswegen habe ich den Film für andere freigegeben“, für alle, die etwas über die Geschichte lernen wollen. Dass er von Jackie Chans Familie handelt, kann ihm nur helfen, Publikum zu finden, hofft die Regisseurin des Panorama-Films. Schließlich ist er ein Superstar, erfolgreich längst nicht nur im Hongkong-Kino, sondern auch in Hollywood.

Anfangs lief es dort gar nicht. Die Amerikaner mochten Bruce Lee oder Clint Eastwood. Einmal zuschlagen, und der Gegner liegt am Boden. „Mir dagegen gefällt, was schnell ist: 20 Mal zuschlagen, aber kein Blut fließt, der Gegner steht auf und geht weg“, schildert Chan, auch jetzt ein lustiger Gesell, der lebhaft gestikuliert, zwischen Englisch und Kantonesisch hin und her springt, mehr ein Komödiant, durchtrainiert wie immer und trotz seiner 48 Jahre von fast unbeschwert–jugendlichem Wesen.

Schon früher war Chan Gast der Berlinale, noch zu Zeiten der Mauer, die er auch fotografiert hat. Künftig wird man ihn hier öfter sehen: In den nächsten drei Tagen sieht er sich Studio Babelsberg und Orte an, wo Ende Frühjahr mit den Dreharbeiten zum Remake des Jules-Verne-Stoffes „In 80 Tagen um die Welt“ begonnen wird, mit Chan in der Rolle des Dieners Passepartout. Drei Monate sollen sie dauern, gedreht wird danach auch in Bangkog. Ein „Familien- und Kinderfilm“ werde es, ohne Gewalt, verspricht Actionstar Chan. „Davon gibt es schon genügend in der Welt“.

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