Berlin : Von Tag zu Tag: Baum und Borke

Andreas Conrad

Die Gefahren, denen eine Fichte ausgesetzt ist, sind nicht hoch genug einzuschätzen: Der Borkenkäfer kann - knispel, knispel - gierig darüber herfallen, die Gespinstblattwespe sie gnadenlos einwickeln. Stürme können sie knicken, Blitze sie entzünden - ja, so eine Fichte ist nicht zu beneiden.

Zumal, wenn ihr Leben nur noch befristet ist. Bis zur nächsten Weihnachtszeit, dann heißt es Abschied nehmen von den fichtenreichen Wäldern Oberfrankens. Riesige Kranwagen werden anrücken, sie herausheben aus ihrem Mutterboden, und dann geht es im Lastwagen weit weg in die Ferne. Höchste Regierungskreise in Oberfranken haben die Baumreise eingefädelt, schließlich gilt es, eine Schlappe wieder gutzumachen. Die schüttere Frankenfichte des Vorjahres, die hier umgehend zu Kleinholz verarbeitet wurde, ist unvergessen.

Ein Prachtexemplar von einem Nadelbaum, dem Auserwählten sehr ähnlich, durfte unser noch Regierender Bürgermeister unlängst schon einmal besichtigen, Oberfrankens Regierungsvizepräsident Horst Müller selbst machte den Baumführer. Die Frage ist nur: Wem wird zur Weihnachtszeit das Original präsentiert? Heißt der Mann dann noch immer Diepgen? Haben ihn Stürme entwurzelt, Blitze gefällt? Wer knabbert an seiner Rinde, wer spinnt ihn ein?

Ohnehin, erbleicht er nicht vor Neid über die vorsichtigen Oberfranken, die wirklich jeder Tücke des Baumschicksals vorbeugen? Denn sollte die Premium-Fichte sich vorzeitig als Pleite erweisen - drei, vier, fünf nicht minder dekorative Ersatzexemplare sind schon ausgewählt. Ein vorbildliches Verhalten, gerade für Berlin: Spare in der Zeit, so hast du in der Not!

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