Berlin : Von Tag zu Tag: Botschaft im 2.OG

Christian van Lessen

An Märchen aus tausend und einer Nacht haben wir geglaubt, als der Zug der Botschaften in das wiedervereinte Berlin begann. Sahen schon orientalische Prunkstücke entstehen, verspielte, aber auch kühl-gläsern-stählernde Architektur der Moderne. Regionale Eigenheiten der Baukunst eben, Bögen und Zacken aus Bambus oder auch Beton, die sich - den strengen Auflagen der Behörden zum Trotz - zu einer internationalen Bauaustellung der Diplomatie entwickeln könnten: Expo auf Berliner Art.

Die Bauten der Nordischen Botschaften in Tiergarten, die zu den Ersten gehörten, weckten große Erwartungen, und Briten und Mexikaner und Inder bauten weitere Vertretungen, die das Stadtbild bereicherten.

Aber spätestens als die Schweizer ihren Neubau am neuen Kanzleramt bezogen, merkten wir, dass Botschaften auch nur Häuser sind. Mitunter ganz normale Bauten, in denen eben ganz normale Büros für ganz normale Menschen untergebracht sind. Wir hatten geglaubt, im neuen Berlin werde auch für Botschaften alles anders sein. Anders als in Bonn oder Pankow, wo Diplomaten meist in alten Villen oder edleren Plattenbauten untergebracht waren.

Gehen wir nun beispielsweise am schlangenförmigen Neubaukomplex auf dem Moabiter Werder vorbei, wo viele Bundetagsabgeordnete wohnen, aber auch Büroflächen vermietet werden: Da ist auf den Klingeltasten unter Hinz und Kunz zu lesen, dass hier die Botschaften von Nicaragua, Guatemala und El Salvador arbeiten, 2. OG, montags bis freitags, 9 bis 16 Uhr.

Ganz unspektakulär sieht das aus, ganz normal. Auch an Normales müssen wir uns erst gewöhnen.

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