Berlin : Von Tag zu Tag: Der Bart ist ab

Björn Seeling

An dieser Stelle sind Sie es von uns gewohnt, geneigter Leser, dass wir Verfehlungen von Bürgermeistern, Busfahrern und Boulettenbratern anprangern. Keine Gnade für Muff, Muffeln und Müffeln! Nur um eine bestimmte Person des öffentlichen Lebens haben wir bisher einen Bogen gemacht - und das, obwohl ihr Handeln alle Jahre wieder auf Unverständnis, Kritik, ja sogar schroffe Ablehnung stößt. Doch nun ist es an der Zeit, mit dem Weihnachtsmann Schlitten zu fahren. Neulich auf dem Alexanderplatz beobachteten wir ihn bei einem unverzeihlichen Fehltritt.

Wie üblich machte er sich an alles heran, was unter einszwanzig war. Doch seine Montur hätte selbst dem dicksten Engel die Harfe aus der Hand geschlagen: zerlatschte Turnschuhe, Bluejeans unterm Rotrock, schlaffer Polyestersack über schmächtiger Schulter, ein Bart wie in der Weihnachtsmannpubertät. Kein Wunder, dass er den Kindern keinen Respekt einflößte. Sie bohrten lieber in ihren Nasen, als ein Gedicht zu rezitieren. Selbst auf wiederholtes Nachfragen zeigten sich die minderjährigen Mitbürger äußerst unkooperativ. Angebote, wenn schon kein Gedicht über Engel, so doch wenigstens einen "No Angels"-Song zum Besten zu geben, verhallten unerhört. Was aber machte der Weihnachtsmann? Statt mit der Rute (so er sie denn bei sich getragen hätte!) zu drohen, langte er in den Sack und verschenkte Schoko-Taler.

Nun mag es ja so sein, dass der Weihnachtsmann bei Auftritten im Ostteil unserer Stadt immer noch verunsichert ist. Unvergessen sind wilde Wende-Weihnachten, in denen Bescherungen mit den Worten "Rück das Zeug raus, rote Sau" einen unschönen Anstrich bekamen. Doch politische Umwälzungen sind keine Entschuldigung, das Amt des Weihnachtsmanns derart zu beschädigen. Wer diesen Posten inne hat, muss sich auch zu unpopulären Maßnahmen durchringen - ohne Rücksicht auf Stimmungen in kita-fähigen Bevölkerungsteilen. Der Weihnachtsmann ist doch kein Weihnachtsmann!

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