Von Tag zu Tag : Der Herbst, der Frühling spielte

Auch wenn der blaue Himmel es uns vorgaukelt: Andreas Conrad glaubt nicht, dass der Lenz zurückkehrt. Erst recht nicht, wenn jetzt auch noch die Uhren in der Nacht zum Sonntag auf Winterzeit umgestellt werden.

von
In der Nacht vom Samstag auf Sonntag wird um 3 Uhr der Zeiger eine Stunde zurückgestellt.
In der Nacht vom Samstag auf Sonntag wird um 3 Uhr der Zeiger eine Stunde zurückgestellt.Foto: dpa

War Eduard Mörike eigentlich je in Berlin? Man müsste das mal nachprüfen, aber eines kann man auch so ohne Zögern festhalten: An Herbsttagen wie diesen war er garantiert nicht an der Spree. „Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte“? Wieso nur der Frühling? Der auch, das stimmt schon, aber wer mag angesichts der blauen Himmelsherrlichkeit dieser Tage noch entscheiden, ob das, was da vorwitzig aus dem Rasen lugt, wirklich Herbstzeitlosen sind oder nicht doch Krokusse. Ja, es sind schon verrückte Zeiten, deren Überraschungen das normale Maß an Verrücktheiten in dieser Welt bei Weitem übersteigen.

Das Klima dreht durch, auch wenn uns die Wetterforscher jetzt sicher wieder einzureden versuchen, es sei doch alles ganz normal. Sollte man die Rosen schon stutzen oder ihnen doch noch einmal die Chance geben, neue Blüten zu treiben? Und wie ist es mit den Vögeln? Schnell noch die Nester der Saison aus den Nistkästen entfernen, um den Piepmätzen die Gelegenheit zu neuer Familiengründung samt Nestbau und Brutpflege zu schaffen?

Berliner Herbstmomente
Laubbad im Volkspark Friedrichshain. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie uns Ihre Berliner Herbstfotos an leserbilder@tagesspiegel.de. - Foto: Robert Agthe (CC BY 2.0)Weitere Bilder anzeigen
1 von 179
21.11.2013 14:38Laubbad im Volkspark Friedrichshain. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie uns Ihre Berliner Herbstfotos an...

Und was richtet solch frühlingshaftes Klima zur Unzeit eigentlich hormonell bei uns Menschen an? Wenn nur die Bäume nicht wären! Goldener Oktober, gewiss, aber das Gold bleibt leider nicht hängen, rieselt Blatt für Blatt auf uns hernieder und zerstört alle Illusionen, die zu erzeugen der Wettergott oder wer auch immer sich so sehr anstrengt dieser Tage. Denn so blau das Band auch flattern mag – das Misstrauen bleibt, und argwöhnisch wird jeder graue Schleier am Himmelszelt beäugt, denn im tiefsten Inneren weiß ja doch jeder: Die schönen Tage sind gezählt, und das Blau wird vielleicht schon heute oder morgen durch bleiches Weiß, dann durch düsteres Grau ersetzt, von den Böen, Stürmen, Orkanen ganz zu schweigen. Der Frühling, ein schöner Traum, zerstoben in alle Winde, vom Regen hinweggewaschen, vom Schnee zugedeckt, unter dem sich immerhin schon die nächsten Schneeglöckchen regen – ein schwacher Trost.

So, und jetzt sollten Sie die Uhr eine Stunde zurückstellen. Der Sommer ist endgültig zu Ende.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben