Berlin : Von Tag zu Tag: Dumm gekommen

Stephan Wiehler

Die Gerechtigkeit ist eine launische Diva, von Verehrern mit Besitzansprüchen hält sie nicht viel. Auch mit noch so großen Beschwörungen und aufrichtigen Liebeserklärungen lässt sie sich nicht bezwingen, von dauerhaften Verbindungen zu uns Sterblichen ganz zu schweigen. Die Gerechtigkeit, das wissen Rechtsgelehrte ebenso wie jene, die um ihr eigenes Recht nachsuchen, sie kommt und geht seit Menschengedenken, wie es ihr gefällt.

Wer will es dem flüchtigen Ding auch verdenken, dass sie sich nicht in die Gerichtssäle einsperren lassen will, wo Justitia mit ernster Miene und gebeugtem Haupt über verstaubten Gesetzesbüchern brütet, um die Verfehlungen verirrter Seelen zu sühnen, die vom Weg der Rechtschaffenden abgekommen sind. Allemal wohler scheint sie sich draußen zu fühlen, an der frischen Luft des wirklichen Lebens, wo sie nach eigenem Gutdünken waltet, wie es gerade kommt.

In Berlin gefiel es der Unberechenbaren jetzt zum Beispiel, sich des 22-jährigen Opfers eines Überfalls anzunehmen. Der junge Mann war auf der Straße von zwei Unbekannten gewaltsam festgehalten und ausgeraubt worden und hatte sich deshalb auf einer Polizeiwache eingefunden, um Anzeige zu erstatten. Die Polizisten, die ihn in Empfang nahmen, freuten sich über den Besuch. Beim Blick auf die Fahndungsliste entpuppte sich das Überfallopfer nämlich selbst als Täter. Gegen den 22-Jährigen lagen gleich zwei Haftbefehle vor. Einer war wegen einer nicht bezahlten Geldstrafe erlassen worden, der andere wegen Körperverletzung und Diebstahl. Nur selten trägt die Gerechtigkeit ihre Schönheit so offen zutage, besonders gerne dann, wenn man ihr dumm kommt.

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