Berlin : Von Tag zu Tag: Eiersalat

Andreas Conrad

An dem richtigen Zeitpunkt, den Weihnachtsbaum zu entsorgen, scheiden sich die Gemüter. Vor Silvester oder erst danach? Darüber kann man endlos debattieren, es wäre vielleicht sogar Stoff für regelmäßige demoskopische Untersuchungen, gibt doch der Zeitpunkt, an dem so eine Wohnzimmertanne in der Regel ihren Schmuck verliert, Auskunft über sich ändernde Harmoniebedürfnisse in der modernen Gesellschaft.

Das interessiert Sie nicht, sagen Sie? Nicht jetzt, so kurz nach Ostern? Sollte es aber, denn die neue Frage, die sich dieser Tage stellt, ist von der erstgenannten gar nicht so weit entfernt: Weg mit den Eiern, das schon - aber wann genau? Vor Pfingsten oder erst danach? Nicht von den zum Verzehr gedachten Exemplaren, den leicht verderblichen, ist hier die Rede, sondern von den unbekömmlichen, doch um so bunteren Exemplaren, wie sie Jahr für Jahr zahlreicher an Bäumen wie Büschen baumeln - die ganze Stadt ein einziger Eiersalat, möchte man meinen. Möglich, dass die Eierfreunde diesmal den österlichen Vorgartenschmuck besonders lange im Wind schaukeln lassen, so kann man sich, da die der Jahreszeit angemessene Blütenpracht weiterhin auf sich warten lässt, ein wenig Frühling vorgaukeln.

Gleichwohl bleibt diese Lösung unbefriedigend und muss gerade in der Nacht jeden enttäuschen, der auf Frühlingsgefühle gehofft hatte und nun im Dunkeln bibbert. Kein Eierleuchten - nirgends. Das muss nicht sein, leicht gäbe es Abhilfe, und damit sind wir wieder bei Weihnachten und seinen Bräuchen, die viel zu schön sind, um sie auf wenige Wochen zum Jahreswechsel zu beschränken. Allein die Lichterketten, die überall glitzern und blinken, dem Herrn zur Ehre und den Menschen ein Wohlgefallen! Sollten wir nicht die Lichtlein in die leeren Eier hineinschrauben und die weihnachtliche Illumination kurzerhand zur österlichen erweitern?

Lichter und Eier - sie liegen die meiste Zeit doch nur herum, totes Kapital, wenn man so will. Warum sich nicht das ganze Jahr daran erfreuen, in den Süßwarenläden tauchen ohnehin bald schon wieder die ersten Weihnachtsmänner auf. Lassen wir also die Eier hängen, und halten wir es mit Heinrich Böll: Nicht nur zur Osterzeit.

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