Berlin : Von Tag Zu Tag: Euro? Gerne!

Amory Burchard

Die Motzverkäuferin macht gute Geschäfte. "Haben Sie Interesse an der neuen Ausgabe der motz? Gerade in dieser kalten Jahreszeit brauchen wir Ihre Unterstützung, es kostet jetzt Zweivierzig", sagt sie nicht zu laut, aber gut vernehmlich zwischen Nollendorfplatz und Bülowstraße. Es ist eine junge Dürre mit Zahnlücken. Dreimal klimpert es. Niemand fragt etwas, oder diskutiert über das Zahlungsmittel - Mark oder Euro? Dann steht sie vor mir. Ich verwickele sie in ein kleines Gespräch: "Oh, teurer geworden." Ja, sagt sie, 1 Euro 20. Die vom Verein hätten die Euro-Umstellung genutzt. Ich zahle zwei Mark vierzig. Ist ja für einen guten Zweck und außerdem will man die alten Münzen loswerden. Scheinheilig frage ich: "Sie sind hoffentlich nicht enttäuscht, dass ich Ihnen keine Euros gegeben habe?" "Im Gegenteil", antwortet sie, "ich nehme lieber Mark." Und dann gehen zwei lächelnde Menschen auseinander, um Geld zu verdienen.

Zum Thema Online Spezial: Euro - Das neue Geld ist da!
Am nächsten Morgen kommt wieder so eine unwiederstehlich rührende Frau durch den Waggon. Diesmal ist es eine Ältere mit roten Stellen im Gesicht. Sie murmelt etwas von "verkaufe die motz" und "... geht an den Verkäufer". Ich habe die neueste Ausgabe ja schon und stecke ihr zwei mal 20 Cent zu. Sie hält die glänzenden Geldstücke staunend in der offenen Hand, als wären sie aus purem Gold. "Oh, danke", sagt sie lächelnd. Gern geschehen, denke ich. Macht richtig Spaß, anderen mit dem neuen Geld so viel Freude zu machen.

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