Berlin : Von Tag zu Tag: Exotischer leben

Elisabeth Binder

Rosenmontag? Es ist noch gar nicht so lange her, da musste ein Berliner, der auf sich hielt, schon ziemlich lange im Kalender blättern, um herauszufinden, welches Datum denn mit einem Tag solchen Namens in Verbindung zu bringen wäre. Sicher wurden mal vereinzelte Kostümierte gesichtet. Andererseits waren viele Zuwanderer ja den alten Heimaten und ihrem Brauchtum entflohen, um hier anders exotisch leben zu können. Christopher Street Day, Love Parade, Karneval der Kulturen sind längst Meilensteine im Berliner Festkalender. Auch wenn sie nicht im Aschermittwoch enden (was die Müllbeseitiger anders sehen mögen), stehen sie doch für die tiefsitzende Sehnsucht nach Ritualen und Massenerlebnissen in einer säkularisierten Welt.

Nun macht auch der echte Karneval von sich reden. Plötzlich gibt es einen Umzug, der Aufsehen erregt. Die Bonner und die Vertreter der Länder sind anders als die Autonomen ja nicht vor altem Brauchtum geflohen, sondern wollen möglichst viel davon hinüber retten. Mit zarten Erfolgen: Kürzlich sah man in der Landesvertretung Baden-Württembergs zu Ehren der Alemanischen Fasnet ansonsten sture Preußen zwischen kostbaren Masken begeistert Rasseln schwingen. Und selbst die in dieser Hinsicht sonst unverdächtigen Nordlichter betätigen sich subversiv. Gestern gab es in der Bremer Landesvertretung zum Familienbrunch mit Swing auch Luftschlangen. Dresscode: Ringel-Shirt. So dezent lanciert könnte das Karnevalswesen in der Hauptstadt weiter an Muskelkraft gewinnen. Warum auch nicht? Was Narren betrifft, ist unser Angebot so breit gefächert, dass saisonbedingte Erweiterungen kaum ins Gewicht fallen dürften.

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