Berlin : Von Tag zu Tag: Im Karies-Tunnel (Kommentar)

Stephan Wiehler

Berliner gelten ja für gewöhnlich nicht als maulfaul. Von manchen frechen Sprüchen fühlen sich Zugereiste und Besucher deshalb zuweilen mächtig vor den Kopf gestoßen. Zu Unrecht, denn der gemeine Berliner meint es ja meistens gar nicht so, wie ihm die Schnauze diktiert, sondern erwartet nur, dass man ihm verbal möglichst schlagfertig Paroli bietet. So pflegt man hier eben eine Plauderei zu provozieren. Allerdings gibt es gewisse Orte und Tageszeiten, an denen auch Berliner lieber schweigen. Frühmorgens in der U-Bahn zum Beispiel, wo sich die Eingeborenen lieber hinter der Zeitung verstecken oder übermüdet ins Unendliche starren. Woran mag das liegen? Müssen sich Berliner erst wachlabern oder sind sie doch schamhafter als wir immer gedacht haben? Einen möglichen Grund dafür hat jetzt das Meinungsforschungsinstitut Emnid in einer Umfrage zu Tage gefördert: Nirgendwo in Deutschland ist die Angst vor einer Zahnbehandlung größer als in der Hauptstadt. Jeder dritte Berliner, so fanden die Demoskopen heraus, will sich nicht von Fachleuten ins Maul schauen lassen. Wir wollen hier mal darauf verzichten, Ihnen mit vollmundigen Einzelheiten den Appetit auf das Frühstück zu verderben. Die Konsequenzen mangelnder Zahnpflege sind ja nicht nur für Mundhygienemuffel schmerzhaft, sondern auch für deren potenzielle Gesprächspartner höchst unangenehm. Um diesen Missständen zu Leibe zu rücken, will die Zahnärztekammer den Berlinern heute auf dem "Marktplatz für Mundgesundheit" am Breitscheidplatz mit Mundgeruchstests auf den Zahn fühlen. Spätestens im "Kariestunnel" dürfte der Berliner Schnauze das Herz endgültig in die Hose rutschen.

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