Berlin : Von Tag zu Tag: Immer wieder sonntags

Andreas Conrad

Die früheste Ahnung von Luxus, das allererste Erlebnis eines Überangebots an Konsummöglichkeiten, hat ein Kind in der Regel zur Adventszeit. Und zwar immer dann, wenn die Familie am Wochenende einen Ausflug über Nacht gemacht hat, der kleine Gourmet also an einem Tage gehindert war, das Schokoladentäfelchen hinter dem jeweiligen Türchen des Adventskalenders zu verputzen. Das hatte einen angenehmen Nebeneffekt: verlängerte Vorfreude und nach der Heimkehr doppelter Genuss - sofern die Eltern nicht plötzlich ihre Liebe zu Schokoladentäfelchen wiederentdeckten und auf familiärer Teilung bestanden.

Die pekuniäre Situation Berlins ist nicht gerade geeignet, Träume von Luxus auszulösen. Die Kassen sind leer, wie hören es alle Tage. Andererseits will Berlin, als Hauptstadt und überhaupt, immer hoch hinaus. Je größer, je lieber, und das heißt in der Regel: Je teurer, je lieber. Ein letzlich unüberwindbarer Widerspruch, ein Paradoxon, die Quadratur des Kreises. So sind wir für jede Anregung, jede Idee überaus dankbar, die das vermeintlich Unmögliche plötzlich in neuem Lichte zeigt, uns Hoffnung schöpfen lässt in diesen trostlosen Zeiten.

Ein riesiger Adventskalender steht seit Monatsbeginn im Quartier 205 in der Friedrichstraße, mit neun Metern Höhe der allergrößte Berlins, vielleicht sogar Deutschlands und der ganzen Welt. In der Regel haben solche Kalender 24 Türchen, für jeden Dezembertag bis Heiligabend eines. Der Rekordkalender hat nur 20, es ist also zugleich ein Sparkalender. Er stehe, so die offizielle Erklärung, in einem Einkaufszentrum, dort gebe es nun mal am Sonntag keine Kunden.

Ein Modell für Berlin, die Lösung verfahrener Ampelgespräche? Einfach alle Etatposten um ein Siebtel kürzen. Am siebten Tag ist schließlich Sonntag.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben