Berlin : Von Tag zu Tag: Scharfe Bilder

Stephan Wiehler

Bevor Sie eine Seite weiterblättern, müssen wir Sie warnen. Denn heute haben wir eine Geschichte im Blatt, bei der Ihnen die Brille beschlägt. Es geht um Fetisch vor Gericht. Klar, die meisten von uns sind erwachsene Leute, die von sich sagen mögen, dass ihnen schon eine Menge sonderliches Zeug untergekommen ist. Seit wir vormittags privatfernsehen, haben wir ja dank Vera, Bärbel und anderen Untergrundaktivisten der menschlichen Intimsphäre schon viele abgefahrene Typen kennen gelernt, die ganz offen über Objekte ihrer Begierde reden: Fußfetischisten, Peitschenfans oder Leute, die sich gern mal in Schlafzimmerschränke sperren lassen. Aber das ist alles Pipifax gegen das, was heute im Amtsgericht Tiergarten verhandelt wurde. Der Angeklagte, der sich mehrfachen Diebstahls und Körperverletzung schuldig gemacht hatte, ist heiß auf - Brillen. Aber nicht irgendwelche Brillen. Denn richtig scharf sieht er nur durch die Sehhilfen fremder Leute. Vorzugsweise älteren Herren riss er deshalb auf der Straße Brillen von der Nase und ergötzte sich zu Hause beim Liebesspiel am Blick durch fremdes Glas. Diese erotische Neigung mag noch als exzentrischer Spleen durchgehen, doch was den Fall delikat macht, ist, dass auch der Berliner Schriftsteller Christoph Hein zu den Opfern zählte, deren Brillen den Angeklagten nach eigenen Angaben sexuell bereicherten. Wer durch die Brille eines anerkannten Moralisten scharfe Bilder sieht, muss echt schräg drauf sein.

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