Berlin : Von Tag zu Tag: Schwebezustand

Gerd Nowakowski

Die Bilder aus den USA: hochgereckte Fäuste in Football-Stadien nach der Rede des US-Präsidenten, Befriedigung über den Gegenschlag, auf den die Amerikaner gewartet hatten. In New York und auch in Washington wird der Angriff auf Afghanistan als befreiend empfunden. Auch dort gibt es Besorgnisse und Furcht über neue Terroranschläge, aber es überwiegt offenbar die Entschlossenheit. Und in Berlin? Da geht das Leben weiter, da haben sich die Gefühle noch nicht für eine Waagschale entscheiden können. Die Stadt ist in einem emotionalen Schwebezustand. Es gibt beides nebeneinander: die Angst vor dem Krieg, die auf die Straße treibt, und der Alltag mit seinen notwendigen Verrichtungen. Ist was? Nur das Polizeiaufgebot in der Stadt ist noch größer geworden und Vokabeln wie Kontrollstellen und Ausweispflicht irritieren. Es wirkt besonnen, was noch ungefügte Seelenlage ist.

In Afghanistan ist Krieg. Und hier? Bislang können wir die Geißel des Krieges allenfalls ahnen. Die Fernsehbilder aus Kabul zeigen - noch - nichts. Die Drohgebärde bin Ladens in seinem Video ist dagegen sehr viel konkreter, Gefahr verheißend. Anders als die Amerikaner kennen die Berliner die Gegenwart des Krieges im eigenen Land. Da ist die Erinnerung der Älteren an das Trümmerfeld, in dem das Nazi-Reich unterging, da ist die Zeit des kalten Kriegs und der Blockade, die auch bei jüngeren Berlinern tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt ist. Eines ist sicher: Die merkwürdige Zwischenzeit zwischen Erstaunen und Erschrecken wird zu Ende gehen - wenn es wirkliche Bilder der Zerstörungen aus Afghanistan gibt, wenn es neue Anschläge gibt, wenn von Toten die Rede ist. Dann muss sich erweisen, wie besonnen die Stadt reagiert.

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