Berlin : Von Tag zu Tag: Späte Erleuchtung

Stephan Wiehler

Von dieser Berlin-Reise werden die Eheleute in ihrer schwäbischen Heimat noch lange erzählen können. Ihre Enkel werden es einmal ihren Enkeln weitergeben, und es ist anzunehmen, dass die Abenteuer ihrer Vorfahren in der fernen Haupstadt Generationen von Schwaben die Abende in Gasthäusern zwischen Geislingen an der Steige und Heidenheim an der Brenz verkürzen werden. Vor einigen Wochen hatte sich das Ehepaar, beide im Rentenalter, zu der Fahrt in den fernen Osten entschlossen und war auf eine waghalsige Idee gekommen. Keine Pauschalreise mit Gruppenbetreuung sollte es sein, nein: das Hotel hatten sie selbst gebucht, unbesehen und auf gut Glück, zentral gelegen - in Wedding. Ein typischer Fall von Altersleichtsinn. In Berlin angekommen, wurden die Reisenden freundlich und landestypisch von der türkischen Familie empfangen, die das Hotel führt. Der Preis von 254 Mark pro Nacht ließ einen gewissen Komfort erwarten. Das Gepäck musste das Personal allerdings die Treppe hochtragen, der Fahrstuhl war außer Betrieb, und den Weg zum Hotelzimmer erleuchtete ein Feuerzeug: Der Besitzer habe die Stromrechnung nicht bezahlt, erfuhren die Gäste. Das Personal immerhin bemühte sich nach Kräften, die Besucher zu entschädigen. Bei jeder Gelegenheit wurde dem Ehepaar Raki angeboten und zum Frühstück sogar heißer Kaffee serviert.

Im Hotel waren die beiden Schwaben übrigens beinahe die einzigen Gäste. Nur eine Delegation moldawischer Diplomaten hatte sich noch in die lichtlose Herberge verirrt. Dass der Strom abgestellt sei, störe sie nicht, erzählten sie. Das seien sie aus der Heimat gewohnt. So nahmen die Schwaben aus Berlin immerhin eines mit: Wie sie daheim noch Strom sparen können.

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