Berlin : Von Tag zu Tag: Unter Frauen

Christoph Stollowsky

Schade eigentlich, aber man muss einer Frau schon tief ins Herz blicken oder zumindest wie die Leinwand-Lieblinge Mel Gibson, Brad Pitt oder Bruce Willis aussehen, um auf der Straße oder in der U-Bahn als Mann unter Frauen zu gefallen. Viel zu viele Männer bevölkern Berlin, die Konkurrenz ist kolossal. Doch es gibt eine Chance, im Heer der Männer wie Apollon ganz vorne zu stehen, zumindest für begrenzte Zeit. Man braucht nur ein Baby und meldet sich für ein Jahr zum Erziehungsurlaub.

Das hat dem Autor dieser Zeilen unter Frauen eine Menge Gunst eingebracht. Beispielsweise im Babyclub, auf dem Spielplatz - oder im Rathaus Steglitz, Abteilung Tagespflegevermittlung, schließlich soll unsere Kleine auch nach Papas Babyurlaub weiter versorgt sein. Also früh um 8.30 Uhr im Lift hinauf zur 16. Rathaus-Etage. Eine Reise, bei der man(n) sich spätestens am Ziel als Exot vorkommt. Ähnlich auffällig sind vermutlich nur Weiße in Schwarzafrika.

Im Warteraum - Mütter mit Kleinkindern, die einen anhimmeln. Kein einziger Mann, nicht mal an irgendeinem Schreibtisch, weshalb hier jeder eifrige Vater einmalige Chancen hat. Und die lassen sich im rechten Zusammenspiel mit der Kleinen sogar noch steigern. Kräht das Baby - flott sein Fläschchen herausholen und den Sprössling im Arm wiegen. Das kommt hier ähnlich gut an, wie unter Männern eine Frau im sinnlichen Abendkleid - und es lässt sich noch toppen, vorausgesetzt, die Windel ist endlich voll. Eine Frau müsste schon zwei Reifen, einen Satz Zündkerzen oder am besten: einen ganzen Motorblock auswechseln, um ähnliche Aufmerksamkeit zu erregen.

Doch leider ist jeder Babyurlaub irgendwann zu Ende. Apollon tritt zurück, die Asse sind ausgereizt - die Windeln aber noch immer voll. Trost für die Männlichkeit. Mann muss sich nur weiter das richtige Publikum suchen.

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