Berlin : Von Tag zu Tag: Vogelfrei

Andreas Conrad

Der Frühling näherte sich paarweise und im Watschelgang. Anfangs schienen die beiden nicht recht zu wissen, wohin genau es gehen sollte. In diesen Garten oder in jenen? Ratloses Geschnatter wurde dann laut. Ob er oder sie dabei den Ton angab, war nicht zu unterscheiden. Ohnehin war ihr Drang, sich niederzulassen, leicht beeinflussbar. Etwas Brot, und schon eilten die zwei herbei, so schnell die Plattfüße es zuließen.

Anfangs schien das ganz drollig. Bei den Kindern war das gefiederte Paar sowieso eine Sensation, die sich allmorgendlich flügelschlagend einstellte. Aber auch bei Erwachsenen wuchs rasch die Zuneigung zu unseren beiden gefiederten Freunden, deren offensichtliche Sympathie füreinander zugleich Vorboten der eigenen, noch ausstehenden Frühlingsgefühle zu sein schienen.

Ein Idyll, freilich nicht ungefährdet. Eines Tages kam nur noch sie: War er treulos zur Nächsten geflattert? Oder verschieden? War also unsere Freundin Witwe? Dazu womöglich gar guter Hoffnung? Danach sah alles aus, als sie sich in den Blumenbeeten breitmachte, die knospenden Tulpen niederwalzte, den frisch bepflanzten Blumentopf ausräumte. Erstes Stirnrunzeln machte sich breit, dem rasch Zornesfalten folgten, als das blöde Federvieh auch noch anfing, sich mitten auf der Terrasse zu entleeren. Und dann war plötzlich ihr Kerl wieder da, höhnisch schnatternd. Das ging zu weit. Man musste einschreiten. Frühlingsgefühle, jaja, aber bitte woanders. Nicht in unserem Garten!

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