Berlin : Von Tag zu Tag: Von wegen Panne

Gerd Nowakowski

Die Gewerkschaftsbewegung hat manches hinter sich und in den letzten hundert Jahren manche Schlacht geschlagen. Die Sozialistengesetze Bismarcks haben die Vertreter der Arbeiterklasse ebenso überstanden wie die brutalen Manchester-Kapitalisten, die mit dicker Zigarre die Lohnsklaven knechten und Minderjährige ausbeuten. Das prägt. Auch den Sprachgebrauch. Noch heute gehört der Unternehmer, der nach Gutsherrenart schaltet und waltet, zu den unverzichtbaren Metaphern eines aufrechten Betriebsrats. Da werden nicht die Klassengegensätze verkleistert, nicht so ein kuschelweiches Wir-Gefühl verbreitet, sondern von denen dort oben und jenen ganz unten gesprochen. Das versteht jeder.

Wachsam sein, heißt die Parole. Denn das Kapital schläft nie, wie sich jetzt zeigt. Der ruchlose Angriff des Berliner Senats auf die Lohntüten der abhängigen Klasse ist bislang einmalig in den Annalen der Arbeiterbewegung. Hart haben die Angestellten und Arbeiter gearbeitet und dann kommt das Gehalt erst zwei Tage später - damit entlarvt sich die Landesregierung als gewissenloser Ausbeuter. Da muss man schon etwas schärfer im Ton werden! Von wegen Panne - da können erfahrene ÖTV-Funktionäre nur lachen. Die Berliner Landeskasse werde auf Kosten der kleinen Angestellten und Arbeiter saniert, hat die Gewerkschaft der Polizei die ganze Dimension des finsteren Plans enthüllt. Mit der verzögerten Auszahlung könnte der Senat nämlich Zinsen in Höhe von 163 000 Mark kassieren. Nun ja, Berlin hat Schulden in Höhe von über 60 Milliarden Mark. Aber immerhin, schließlich muss man auch den Anfängen wehren.

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