Berlin : Von Tag zu Tag: Weiße Weihnacht

Ekkehard Schwerk

In die heutige Abendstille nach dem vielwöchigen Adventssturm soll also Schnee rieseln. Das hebt die Herzen auf dem nicht gerade ausgetretenen Weg zur Kirche. Erst anderntags, wenn die ersten Karambolagen, verursacht von den vollends naturentwöhnten Automobilisten, bekannt werden, können wir mit dem Geplärre vom "Schnee-Chaos" rechnen. Wie übrigens jedes Jahr, und wiederum völlig unerwartet, wenn auch nur drei Flocken gefallen sind, was ja einem Winter frommt. Aber lasst uns heute mal friedlich sein und den Ausnahmefall in unserer Wetterzone, die dennoch herbeigeflennte "weiße Weihnacht" genießen, so sie uns denn auch wirklich überrascht.

Dann hätte alles seine Pracht im Postkartenformat, und der Alte Fritz Unter den Linden bekäme auf seinen Dreispitz ein weißes Häubchen. Wo alle Herzen doch so hoch gestimmt und weit geöffnet sind - und sei es auch nur für wenige Stunden am Heiligen Abend - darf en passant daran erinnert werden, dass der zusammengesunkene, ungepflegte, übel riechende Mensch in der U-oder S-Bahn unter der ach so bewillkommneten Kälte ebenso leidet wie unter jener der Passanten, die ihn als störend empfinden. Er friert immer in seiner kalten Umgebung. Er ist auch von der Freude am ersten Schnee ausgeschlossen. Er ertränkt Weihnachten im Fusel. Selbst wenn man ihm erzählte, dass die armen Hunde von Hirten auf dem Felde auserwählt waren, die Geburt Christi weiterzuplaudern - er pfiffe was drauf. Seine Auserwähltheit besteht darin, allen unbequem zu werden, so lange, bis die verdammte Armut in gesättigter Zeit überwunden ist - und das nicht nur zur Weihnachtszeit, wenn es ach so lieblich schneit.

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