Berlin : Von Tag zu Tag: Wie pulverisiert

Bernd Matthies

Wir würden Sie ja gern ein wenig beruhigen, müssen aber erst einmal die Schocks des Tages abliefern. Milzbrand kennen wir nun, gestern fiel der Blick auf die Windpocken, vor denen man sich in Amerika präventiv auch schon fürchtet. Windpocken, das klingt nach Kindergartentante, drei Tagen im Bett und heißem Tee, aber hier geht es wohl um größere Gefahren. Wovor werden wir uns morgen ängstigen? Mumps?

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Stichwort: Milzbrand
Trittbrettfahrer: Empfindliche Strafen Je genauer wir die neue Realität anschauen, um so seltsamer schaut sie zurück. Früher galt der Brieföffner als gefährlich, heute der Brief. Früher waren die Poststellen ein Symbol der Bürokratie, heute werden sie zu Hochsicherheitstrakten mit Luftschleusen umgerüstet. Und wer immer nun wirklich hinter dem seltsamen Pulver steht, das in Amerika ausgestreut wird, er hat mit relativ wenig Aufwand den größten Teil der Welt in Panik versetzt. Denn wir brauchen im Grunde ja nur die Idee des Terrors; den Rest erledigen Witzbolde und Betrunkene und Zukurzgekommene ganz von allein. Vermutlich werden wir demnächst erleben, dass die Hersteller von Backzutaten Entlassungen ankündigen, weil niemand mehr Zimtsterne und Weihnachtsstollen backen mag: Mehl, Puderzucker und Backpulver erinnern zu sehr an das Zeug, das in den Briefen steckt - und bei dem es sich, außer in wenigen Fällen in Amerika und Kenia, immer nur um Mehl oder Puderzucker oder Backpulver handelt.

Ein Wunder an effektiver Ängstigung also, und das ganz ohne die Panzer und Soldaten und Ultimaten, die uns früher erschreckt haben, und mit denen wir in Berlin bekanntlich gut fertig geworden sind. Ob das jetzt auch funktioniert? Eine pragmatische Bitte für die nächsten Wochen: Kaufen Sie ruhig Mehl und Backpulver und Puderzucker. Aber lassen Sie es nicht irgendwo stehen.

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