Berlin : Von Tag zu Tag

Susanne Vieth-Entus

Alles fing damit an, dass die Dreizimmer-Wohnung zu klein wurde. Das war so Mitte der 90er-Jahre, als vier Zimmer in der Stadt teurer waren als ein Haus im Grünen. Viele Väter wollten damals raus: Es lockte der Traum vom Gärtlein im Brandenburgischen. Ihre Frauen ahnten, dass sie den Schritt bereuen würden: begraben zwischen den Vorgärten der Doppelhaus-Siedlungen, abgeschnitten von der guten alten BVG.

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Man einigte sich darauf, die Immobilienteile der Zeitungen zu studieren. Das beste Objekt sollte den Sieg davontragen. Die Mütter suchten nach bezahlbaren Altbauwohnungen, aber die Kinder zerrten an den Müttern samt Immobilienseiten, und die Sache endete meist irgendwo zwischen Nauen und Mahlow. Wir wollen hier nicht erzählen von den grässlichen Erfahrungen mit Nummernschildern, die auf MOL oder LDS lauten. Auch nicht von der deprimierenden Suche nach einer Oberschule. Das alles haben die Eigenheim-Mütter ertragen gelernt. Was schwerer wiegt: In Berlin, ihrer Herzensstadt, wird gewählt, aber sie dürfen nicht mitmachen. Sie kommen auf dem Weg zur Arbeit an Wahlplakaten vorbei, platzieren in Gedanken ihr Kreuzchen, und dann macht es plötzlich "klick", und sie begreifen, dass das nicht mehr ihre Wahl ist. Weil sie woanders ihre Steuern zahlen. Selber schuld.

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