Berlin : Von Tisch zu Tisch: Galliano in Wilmersdorf

Elisabeth Binder

Zu den erfreulichsten Entwicklungen der letzten Jahre zählt die fortschreitende Diversifikation bei den ethnischen Lokalen. Die Italiener haben es vorgemacht: Von der bescheidenen Studentenpizzeria bis zum hocheleganten Sternerestaurant kann man ihre Küche auch außerhalb Italiens (und ganz besonders in Berlin!) in vielen Preis- und Qualitätsstufen genießen. Ähnliche Entwicklungen sind auch bei anderen Landesküchen zu beobachten.

Das "Galliano" ist eigentlich ein griechisches Weinrestaurant, das seinen Ehrgeiz darein setzt, die jüngsten Entwicklungen der griechischen Küche zu präsentieren. Seit etwa 1980 seien die Folgen der Diktatur nicht mehr so spürbar, seitdem habe sich Griechenland wieder in eine Region für Weingenießer gewandelt, steht in der Speisekarte.

Der Einrichtung merkt man den Ehrgeiz an: keine Folklore, alles ist luftig, Kunst zum Kaufen an den Wänden, Kerzen, Stoffservietten, ganz ordentliche Draußenplätze. Freundliche Kellner, die über herumlaufende Schoßhündchen nicht stolpern. Das Publikum, das wir erlebten, rekrutierte sich aus offenbar sehr lieben und langjährigen (und nicht ganz leisen) Stammgästen und einer Spezies, die aus den USA gerade nach Deutschland schwappt, den Bohemian Bourgeois, kurz Bobos, den bürgerlichen Bohemiens.

Es gibt sogar griechischen Sekt, und der schmeckt auch sehr gut, Villa Amalia (9 DM). Auf der Karte stehen unter der Rubrik Amuse Gueule kleine Vorgerichte, die nächste Reichlichkeitsstufe erlangt man mit den etwas umfangreicheren Vorspeisen. Zu den Hauptspeisen gibt es mündliche Ergänzungen. Sehr zum (späteren) Kummer unserer Nachbarn, hatten wir uns für die letzte Seezunge entschieden; es wurde uns sogar freundlich gestattet, sie redlich miteinander zu teilen.

Die Weinberatung ist so ausführlich und fast ein wenig pompös, wie man es sonst nur aus sehr gehobenen Restaurants kennt. Die Karte ist wirklich interessant, man hat sich hier auf griechische Weine spezialisiert, die im Barrique ausgebaut sind und nicht ganz so retsinaartig penetrant nach "Blut der Erde" schmecken, wie von Udo Jürgens einst besungen. Der 98er Viognier vom Peleponnes schmeckte ein bisschen nach Frucht, nach Aprikose, fühlte sich fast ein bisschen ölig an, war jedenfalls definitiv kein Leichtgewicht. Wir tranken ihn aber sehr gern und sehr viel langsamer als beispielsweise einen Demestica (65 DM).

Die Tatsache, dass man hier einen gehobenen Küchenstil pflegt, bedeutet freundlicherweise nicht gleich das volle Entzugsprogramm für Tsatsiki-Fans. Obwohl der Joghurt-Klassiker hier unter "Amuse Gueule" läuft und über die Maßen zart gewürzt ist, zwei kleine Kugeln befinden sich in Gesellschaft einer entkernten Olive, sehr possierlich. Auch für Vampire bestens geeignet. Auf die gemischten Vorspeisen muss man eine Weile warten, das wird einem auch angekündigt. Das Warten lohnt sich allerdings, denn die Vorspeisen sind sorgfältig und mit sehr guten Zutaten bereitet. Es gibt schwarze Olivenpaste, aufgeschlagenen Schafskäse, Auberginenpüree, Rote Bete, mariniert in nativem Knoblauchöl, getrocknete Tomate, Schafskäse auf enthäuteter Paprika, superzarten Octopus, entkernte Oliven, gebackene Zucchini (mit einem Klacks des knoblauchgezähmten Tsatsikis), Blätterteigtasche mit Käse gefüllt (20 DM).

Die sehr schöne Seezunge wurde am Tisch filetiert, sehr gerecht aufgeteilt, und es gab dazu eine schöne, nicht zu schwere Zitronencremesauce, außerdem bissfestes Gemüse (45 DM). Auf einem bestimmten Level nähern sich die mediterranen Küchen unter der Herrschaft der schicken Olivenöle immer mehr einander an. Man scheut sich hier beispielsweise auch nicht, die Maispoulardenbrust mit italienischen Nudeln zu kombinieren.

Die Nachtischangebote sind, das darf in Weinstuben so sein, eher mager. Zum Beispiel gibt es Joghurt mit frischen Früchten und Akazienhonig. Leichtsinnig entschieden wir uns für "Crepe mit Erdbeermarmelade". Letztere war allerdings nicht mal hausgemacht, sondern aus griechischen Bio-Beständen. Dafür gab es viel (zu viel) davon zwischen dem hauchdünnen Crepe (7 DM). Da wenden wir uns lieber ganz schnell einem klassischen Siebenstern-Metaxa und dem Espresso zu. Je später der Abend desto individualistischer und exotischer die Gäste. Mein Begleiter verfolgte deren Treiben mit großen Augen. Bis Blankenese sind die Bobos offenbar noch nicht gekommen.

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