Von TISCH zu TISCH : Wiener Beisl

Man sollte es nicht übersehen neben der Paris Bar: Das gemütliche Lokal von Lutter & Wegner bietet schmackhafte österreichische Küche

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Ein bisschen Bohème: Das Lokal "Wiener Beisl" in der Kantstraße in Charlottenburg.
Ein bisschen Bohème: Das Lokal "Wiener Beisl" in der Kantstraße in Charlottenburg.Foto: Wiener Beisl / promo

Unmittelbar neben der Paris Bar muss man sich zu profilieren wissen. Mit dem „Wiener Beisl“ hat der Betreiber der „Lutter&Wegner“-Lokale, Josef Laggner, unter dem Motto „Wien-Berlin kulinarisch vereint“ an bevorzugter Stelle eine Tankstelle für den Berliner Sehnsuchtsappetit geschaffen.
Wer nicht sowieso weiß, wer hinter dem Lokal steckt, wird es spätestens beim Lutter& Wegner-Sekt merken, der comme il faut eiskalt auf den Tisch kommt (5 Euro). Die österreichischen Weine sind nicht billig, der Blaue Zweigelt aus dem unteren Preissegment passte allerdings gut auch noch bis hin zum puderzuckrigen Dessert (32 Euro).

Bohème-Gemütlichkeit

Die Hälfte des Lokals, das einst der Paris Bar als Überlaufgefäß diente, ist festlich weiß eingedeckt, in der anderen Hälfte sitzt man auf grünen Bänken oder schlichten Stühlen an kleinen Holztischen. Bilder schaffen eine Bohème-Gemütlichkeit, die örtliche Honoratioren offenbar zu schätzen wissen. An unserem Abend war es, von einigen bekannten Gesichtern mal abgesehen, nicht sehr voll, was eigentlich schade war.
Wiener Küche wird hier durchaus modern interpretiert und nicht nur mit den üblichen Klischees. Ja, es gibt Backhendl und Riesenschnitzel, im Programm ist aber auch gebratene Blutwurst. Das unterhaltsame Spiel mit Konsistenzen beherrscht der Koch. Sehr gut und auch optisch ansprechend waren die Blattsalate mit pikantem Dressing, mit Cranberries, Gorgonzola-Brocken, eingelegten Cherrytomaten, einer Skulptur aus schneeweißen Birnenscheiben und Walnüssen (9,50 Euro). In einer kandierten Variante veredelten die Nüsse auch die samtige Selleriecremesuppe, die zudem noch mit Walnussöl angereichert war. Kürbiskerne ergänzten das Ganze, ein länglicher, geriffelter Käsechip und geröstete Kräuter gaben dem Geschmack zusätzlich eine gewisse Wucht (7 Euro).

Rosiger Lachs und Rosenkohl

Käsespätzle mit Emmentaler Käse und Lauch waren in den unteren Schichten cremig und oben teils goldbraun überbacken, sehr kräftig im Geschmack und gekonnt locker in der Beschaffenheit, wo nichts pappte. Und auch die Portion war sehr reichlich (14,50 Euro). Mir gefiel der confierte Lachs, der buchstäblich auf der Zunge zerging in seiner saftigen Rosigkeit, darüber geröstete Rosenkohlblätter. Al dente sautierte Rosenkohlröschen umrahmten ein Bett aus hauchzartem, cremigem Selleriepüree und einer schönen Weißweinsauce (19,50 Euro). Damit kann man sowohl in Wien als auch in Berlin Staat machen.

Recht viel Schmarrn

Den Kaiserschmarrn muss man eine halbe Stunde vorher bestellen, weshalb wir vorsichtshalber eine einzelne Portion zum Teilen schon gleich eingangs in Auftrag gaben. Dann kam allerdings nahezu eine Familienschüssel voll, mit Pflaumenkompott oder, wie es in Laggners Landessprache heißt, „Zwetschgenröster“. Vanilleeis passt immer zu sowas, selbst wenn es ein bisschen industriell schmeckt. Vom Schmarrn, der ebenfalls einen diesmal mandeligen Knuspereffekt in sich barg, aßen wir mehr als geplant, und trotzdem blieben noch Reste übrig. Gut, dass unaufgefordert zu der einen Portion zwei Teller gedeckt wurden. (12 Euro).
Der Service war gesprächig und dabei sehr entspannt, ließ sich trotz einer gewissen Leere des Raums Zeit, fast, als wolle er uns mangels anderer Massen zum Verweilen ermuntern.
Wie der Kellner die Gäste mit einem „bis Morgen“ verabschiedet, egal, ob Stammkunde oder Erstbesucher, könnte einen bangen lassen um das Restaurant. Aber vielleicht ist das ja als reine Freundlichkeit gemeint.


- Kantstr. 152, Charlottenburg, Tel. 31 01 50 90, täglich ab 17 Uhr

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