• Von Venedig lernen heißt Geld ausgeben lernen Das Bild eines Dogen schmückt das Büro des Finanzsenators.

Berlin : Von Venedig lernen heißt Geld ausgeben lernen Das Bild eines Dogen schmückt das Büro des Finanzsenators.

Doch gerade dieser zerrüttete den Etat der Handelsmetropole

Ingo Bach

Von Ingo Bach

Venedig und Berlin haben vieles gemein: Beide Städten stehen im Sumpf, beide haben viele Brücken, und in beiden leben viele Italiener. Kein Wunder, dass Finanzsenator Thilo Sarrazin, der für seine Stadtstaatenvergleiche ebenso berühmt wie berüchtigt ist, auch die Lagunenstadt für ein „Benchmarking“ nutzte. Und tatsächlich wurde er auch hier fündig, um seinen Zeigefinger mahnend zu heben. „Venedig“, so meint er, „Venedig hat es Jahrhunderte lang geschafft, Haushaltsüberschüsse zu erwirtschaften und anderen Geld zu leihen.“ Deshalb hängt sich der Senator nun auch ein Bild des berühmten venezianischen Regierungschefs Leonardo Loredan (1501-1521) ins Büro.

Tatsächlich hatte Venedig im Hochmittelalter weder ein Einnahmen- noch ein Ausgabenproblem. Es war immer mehr in der Kasse, als gebraucht wurde. Woran lag’s? Genau wie Berlin heute wollte Venedig damals eine Handelsdrehscheibe nach Osten sein. Doch im Gegensatz zu Berlin hat die „Serenissima“, die „Durchlauchtigste“, das auch geschafft. Mit ihren Galeeren beherrschte sie die Handelsrouten zwischen Mitteleuropa und östlichem Mittelmeer.

Die Lagunenstadt war auch wesentlich erfolgreicher mit ihren Geldhäusern als die Spreestadt. 1587 gründete Venedig eine der ersten Staatsbanken Europas, um damit den Handelsplatz zu stärken und Gewinne für den Staatshaushalt zu machen. Und man nutzte die „Banco di Rialto“, um sich hier den eigenen Etat zu leihen. Das funktionierte, denn das Institut ging nicht fast pleite und riss die Stadt dabei mit in den Abgrund, wie über vierhundert Jahre später die Bankgesellschaft in Berlin.

Selbst als der Stern von Venedig zu sinken begann und die Stadt – nach den großen Entdeckungen – im 16. Jahrhundert ihr Handelsmonopol verlor, machte sie Berlin noch etwas vor. Als Venedig verarmte und dem Staatsbankrott entgegentaumelte, erlebten die Künste – von der Kochkunst über die Malerei bis hin zur Musik – eine bis dahin ungeahnte Blüte. Und die Einwohner entdeckten den Genuss darin, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Ein Giacomo Casanova trieb hier sein erotisches Unwesen, und in den Nächten des Carnevale sprachen die Venezianer weniger über die Erotik der Zahlen als vielmehr über Amore. Das könnten die Berliner doch durchaus nachmachen, oder? Nur böse Zungen werden also angesichts des heute steigenden Meeresspiegels und zerfallender Palazzi in der Lagune behaupten, von Venedig lernen heißt untergehen lernen.

Ironischerweise war es genau jener von Sarrazin zum leuchtend-bunten Vorbild erhobene Doge (so nannten die Venezianer ihre Regierenden Bürgermeister) Leonardo Loredan, der der Stadt am Canale Grande ein dickes Minus in den Haushaltsbüchern bescherte. Mit immer neuen Anleihen, die er bei der venezianischen Bevölkerung aufnehmen musste, finanzierte er einen siebenjährigen Krieg gegen eine Allianz von feindlichen Ländern, die es satt hatten, an Venedig zu zahlen. Ein Jahr nach dem Ende der Regierungszeit des Dogen galt nicht mehr Venedig als nach Rom zweitreichste Stadt Italiens – sondern die alte Rivalin Genua.

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