Vor 20 Jahren : "Ich liebe doch alle": Erich Mielkes Liebeserklärung

In der DDR war er ein gefürchteter Mann. Am Ende seiner Karriere in den Wendetagen 1989 sorgte Erich Mielke dann aber mit einer bizarren Liebeserklärung für landesweites Gelächter.

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Erich Mielke bei seiner Ansprache. -Foto: youtube

Es war der bizarrste Augenblick der Wendezeit: Ein kleiner dicklicher Mann mit Kastenbrille steht am Rednerpult, blickt irritiert ins Publikum, das lacht und krakeelt. „Ich liebe, ich liebe doch alle“, stammelt er, „alle Menschen, na ich liebe doch, ich setzte mich doch dafür ein!“

Erich Mielke, der gefürchtetste Mann der DDR, hatte sich zum August gemacht.

Die Szene, die sich am 13. November 1989 in der Volkskammer, dem Parlament der DDR, abspielte, mag heute lustig wirken. Lachen konnten vor 20 Jahren nur die per Einheitsliste bestimmten Volksvertreter, die bei Mielke den Aufstand der Zwerge probten. Sie hatten den SED-Mann vors Plenum zitiert, und als er sie ständig mit „Genossen“ anredete, verbat sich das einer von ihnen.

Das Volk, das den Auftritt live im Fernsehen verfolgen konnte, gruselte sich eher. Es erlebte einen Greis, der geistig nicht auf der Höhe schien und bis zum Rücktritt am 7. November 1989 die Stasi kommandierte! Nicht wenige fühlten sich verhöhnt, weil Mielke jede Verantwortung von sich wies. Nein, vielmehr habe das MfS der SED-Führung doch ständig berichtet, ließ er noch wissen, aber die Analysen seien unberücksichtigt geblieben. Zudem habe das Ministerium in „einem außerordentlich hohen Kontakt mit allen werktätigen Menschen“ gestanden. Das war noch nicht mal gelogen, denn später wurde bekannt, dass das MfS 100 000 inoffzielle Mitarbeiter beschäftigte.

Nach dem Auftritt steht Mielke noch ein Mal in der Öffentlichkeit: 1993 wird ihm der Prozess gemacht, aber nicht wegen seiner Rolle in der DDR, sondern wegen zweier Morde von 1931. Zu sechs Jahren Haft verurteilt, kommt er 1995 aus Krankheitsgründen vorzeitig aus der Haft. Am 21. Mai 2000 stirbt er 92-jährig. Sein „Ich liebe doch alle“ überlebte – meist erweitert um ein „Euch“ – als beinahe geflügeltes Wort. Und als Video im Internet. (ag/ho/dpa)


Hier das Video:

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