Berlin : Vor der Predigt wird kassiert

Die Kirchen kommen ohne freiwilligen Obolus zusätzlich zur Steuer kaum noch aus / Pro & Contra: Zahlen für den Gottesdienst?

Claudia Keller

Nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz finanzieren sich die Kirchengemeinden über die Kirchensteuer. Nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz stecken die Bistümer und Landeskirchen in finanziellen Krisen. Überall sonst auf der Welt finanzieren sich die Kirchen über das so genannte Kirchgeld: ein Obolus, den die Gläubigen auf freiwilliger Basis zahlen – in der Höhe, die sie für angemessen halten. Daran hat sich nun der Bund Katholischer Unternehmer (BKU) erinnert und dem Erzbistum Berlin vorgeschlagen, Kirchgeld zu erheben, um die leeren Kassen zu füllen – allerdings neben der Kirchensteuer, nicht an ihrer Stelle. Die Katholische Kirche in Berlin muss 148 Millionen Euro Schulden abbauen.

„Neben der Reduzierung auf der Ausgabenseite muss auch die Einnahmenseite bei der Sanierung des Haushalts des Erzbistums Berücksichtigung finden“, schreiben die Unternehmer in einem Thesenpapier, „hierbei sollte ohne Tabu auch die Einführung von Kirchgeld diskutiert werden“.

Kirchgeld gehöre in anderen Diözesen zum festen Bild im sonntäglichen Gottesdienst, heißt es weiter. In Holland müsse jeder Gläubige für seinen Platz in der Kirche zahlen, sagt Martin Lambert vom BKU. Man könne sich vorstellen, dass sich in Berlin sonntags jemand mit einer Kasse vor die Kirchentür stelle und die Gläubigen dadurch indirekt zu einer Gabe auffordert.

Besonders an Rentner richte sich der Vorschlag, sagt Lambert. Die Pensionäre zahlen keine Kirchensteuer, bevölkern aber die Gottesdienste. Außerdem würden die Kirchgänger immer weniger in den Kollektebeutel werfen, der während der Messe herumgereicht wird. Und nur selten würden die Gemeinden direkt von der Kollekte profitieren, da sie oft für überregionale karitative Institutionen bestimmt sei.

Die Idee mit dem Kirchgeld ist auch in Deutschland nicht neu. Bevor 1803 die staatliche Kirchensteuer eingeführt wurde, lebten die Gemeinden von den Spenden der Kirchgänger. Auch in der DDR gab es nur eine von den Gemeinden selbst eingetriebene Kirchensteuer. In den vergangenen Jahren diskutierten etliche Gemeinden über die Wiederbelebung dieser Tradition. Denn nicht nur die Katholische Kirche in Berlin hat finanzielle Probleme. Weil immer mehr Menschen aus der Kirche austreten und immer mehr Gläubige arbeitslos sind, schwinden in fast allen evangelischen und katholischen Gemeinden die Einnahmen aus der Kirchensteuer. Vor drei Jahren führte die evangelische Landeskirche Niedersachsen das Kirchgeld ein.

Mitte der 90er Jahre hatte auch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg alle Gemeinden dazu aufgefordert. Die Gemeinde der Gedächtniskirche folgte 1997 erstmals dem Aufruf, ebenso die Gemeinde Marienfelde, von deren 11 000 Mitgliedern nur 38 Prozent Kirchensteuern zahlen. 14500 Mark sind in Marienfelde 1997 über das Kirchgeld zusammengekommen, zwei Jahre später waren es sogar 25000 Mark. Von dem Geld werden unter anderem zwei Zivildienstleistende bezahlt, und ehrenamtliche Mitarbeiter erhalten eine Aufwandsentschädigung für ihr Engagement in der Gemeinde, zum Beispiel für Fahrdienste für Ältere.

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