Vor der Räumung : Liebig 14: WG mit Symbolwirkung

Es ist eine ganz normale Wohngemeinschaft, und doch ganz anders: Wie die Bewohner der Liebigstraße 14 der geplanten Räumung entgegensehen.

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Die "Liebig 14" - Am 2. Februar 2011 wurde das links-alternative Wohnprojekt in Berlin-Friedrichshain geräumt. Wir haben die Geschichte dieser wahrlich bewegten Tage zusammengefasst - in Bildern natürlich. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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02.02.2012 13:22Die "Liebig 14" - Am 2. Februar 2011 wurde das links-alternative Wohnprojekt in Berlin-Friedrichshain geräumt. Wir haben die...

Die Bewohner eint der gemeinsame Grundkonsens, und doch sind sie alle verschieden. Wenn am 2. Februar das Hausprojekt in der Liebigstraße 14 geräumt wird, werden die Bewohner kämpfen. Für ihre Wohnungen und eine Idee.

Keine 20 Meter von der „ Liebig 14“ entfernt hat dieser Kampf längst begonnen. Er wird größtenteils über die Medien ausgefochten. Für Sarah und Fiona ist es bereits das fünfte Interview an diesem Tag. Das Hinterzimmer eines kleinen Spätshops haben sie zum inoffiziellen Presseraum gemacht. Denn Journalisten dürfen das Haus nicht betreten. Das Kollektiv hat das so beschlossen. „Wer will schon ständig neugierige Leute in seiner Küche?“, sagt Fiona. Sie macht kein Hehl daraus, dass sie es albern findet, sich für den Ausschluss der Presse rechtfertigen zu müssen. Es sei eben ein Wohnhaus wie jedes andere.

Doch ist die Liebig 14 auch eine Ikone der linken Szene. 1990 wurde das Haus besetzt. „Die Leute denken dann, dass wir keine Miete zahlen, dabei zahlen wir Geld“, sagt Fiona. Wie viel genau, will sie nicht sagen. Nur dass es noch dem Mietniveau von 1992 entspricht, als die Bewohner erstmals Verträge mit der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain schließen, um ihr Projekt zu legalisieren. Als 1999 der private Investor Lila GmbH das Haus kauft und sanieren will, entbrennt ein Streit um einen neuen Gesamtmietvertrag. Etliche Verhandlungen und Gerichtsurteile später ist das Ergebnis ernüchternd: Am 10. Januar dieses Jahres ist für alle Wohnungen ein Räumungsbescheid ausgestellt worden.

Inzwischen sind noch ein paar mehr Bewohner in den improvisierten Presseraum gekommen. Jeder kann etwas zum Gespräch beitragen. Hierarchien, sagen sie, gibt es nicht. Alles werde im Konsens entschieden. Und Konsens sei momentan, sich mit allen Mitteln gegen die Räumung zu wehren. Notfalls mit Gewalt. „Grundsätzlich sind wir gegen Gewalt.“ Fiona wählt ihre Worte mit Bedacht, es ist ein unliebsames Thema. Anstatt die Aktionen einiger militanter Linker zu instrumentalisieren, um die weit größere friedliche Protestbewegung in Verruf zu bringen, solle sich die Politik lieber fragen, was in der Gesellschaft schieflaufe. „Was macht die Menschen so aggressiv?“ Einer ihrer Mitbewohner ergänzt: „Gewalttätig finde ich eher, dass Tag für Tag Leute aus ihren Wohnungen vertrieben werden, weil sie nicht mehr zahlen können.“„Gentrifizierung“ ist das Wort der Stunde. Die Vertreibung der sozial Schwachen aus der Innenstadt durch Sanierung und Mietsteigerung. Der Widerstand gegen die Räumung sei auch ein Aufschrei wider eine Politik, die nicht den Menschen im Blick habe, sondern Profite. Die Polizei wird diesem Aufschrei im Februar mit mehr als 1000 Beamten begegnen. Die Behörden rechnen aufgrund der Symbolwirkung der Liebig 14 damit, dass Sympathisanten aus ganz Europa anreisen, um das Projekt zu verteidigen.

Sarah ist vor einem Jahr extra aus England in die Liebig 14 gezogen, um bei deren Erhaltung zu helfen: „Der Gesellschaft entginge etwas, wenn das Hausprojekt nicht bleibt.“ Rund 25 Menschen, so genau könne das keiner sagen, im Alter zwischen 19 und 40 wohnen derzeit in dem Haus. Italiener, Argentinier, Deutsche. Studenten, Arbeiter, Arbeitslose. Privat ist nur das eigene Zimmer. Der Rest wird gemeinschaftlich genutzt.

Dennoch verbirgt sich hinter der roten Holztür mit der Nummer 14 kein Mysterium, sondern schnöde Altbauwohnungen. In den Küchen stapelt sich der Abwasch von Tagen. Nur linke Graffiti verraten, dass hier etwas anders läuft, dass politisches Engagement hier kein Mittel zum Zweck, sondern Lebensstil ist. Ein geschützter Raum wolle das Projekt sein, in dem Rassismus und Sexismus keinen Platz haben sollen. In dem jeder für den anderen sorgt, erklärt Fiona. Eigentlich, wundert sich die Studentin, sei es doch merkwürdig, dass nicht viel mehr Menschen so leben möchten. Die Gemeinschaft jedenfalls werde auch nach der Räumung Bestand haben. Denn eine Idee, fügt ein Bewohner hinzu, könne man nicht räumen. Sidney Gennies

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