Berlin : Wahlhelfer: Lebenslänglich im öffentlichen Dienst

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Es gehört sich , dass man seinen Gast im Foyer empfängt. Natürlich persönlich. Höflichkeit in ihrer preußischen Variante bedeutet aber auch Strenge. Und so schaut der schmächtige Mann seinem Gast prüfend in die Augen, dann prüfend auf die Armbanduhr, um freudig zu verkünden: "Sie sind pünktlich!" Die Freude, pünktlich zu sein, ergreift nun auch den Gast. Der schmächtige Mann, anlassgerecht in Krawatte und Pullunder, bittet an den Konferenztisch mit Kaffeekanne und Gebäck. Hier allerdings - nun wieder streng - ergeht die Mahnung, die Zahl der Fragen doch bitte zu begrenzen. Um halb Zwölf ist er, seit 86 Jahren Preuße durch und durch, zur Staatssekretärin bestellt. Und nichts wird ihn daran hindern, pünktlich zu erscheinen. Nun gibt es Fragen, die zwar wichtig sind, sich einem Preußen aber gar nicht erst stellen. Zum Beispiel, warum er, Franz Rams, seit genau 50 Jahren Wahlhelfer ist, ohne Unterbrechung, und am 21. Oktober natürlich wieder antritt, pünktlich viertel vor Acht. Warum er, Franz Rams, seit 21 Jahren Rentner, immer noch jeden Morgen ab halb Neun seinen ehrenamtlichen Dienst als Vorsitzender der Seniorenvertretung Friedrichshain-Kreuzberg verrichtet. Die Antwort: "Ich war Angestellter im Öffentlichen Dienst." Im Öffentlichen Dienst ist er dann hängengeblieben, als es mit dem Angestelltsein vorbei war.

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Franz Rams spricht kurze, klare Sätze. Von sich erzählt er wie über einen Menschen, dessen Schicksal ihn nur flüchtig berührt. Seit 1934 Berufssoldat, in Stalingrad in Gefangenschaft gekommen, in Südkasachstan auf den Baumwollfeldern geschuftet, während die Kameraden an Typhus und Fleckfieber starben. Von 1020 Mann seiner Einheit kamen 80 zurück. Die Völkerwanderung der Nachkriegszeit spülte ihn nach Kreuzberg. Dort baute er das Sozialwesen mit auf, weil er mal Anwaltsgehilfe gelernt hatte und gut tippen konnte. Da bot es sich an, bei den Wahlen den Schriftführer zu machen. Später wurde Rams Wahlvorsteher, kümmerte sich um alles, von den Wahlunterlagen bis zur Einrichtung des Wahllokales. Immer akribisch und korrekt. "Keine besonderen Vorkommnisse" vermeldete er nach dem Auszählen jedesmal ans Wahlamt. So hatte er es noch in einer Zeit gelernt, die Pflichterfüllung über alles stellte. Damals, in Ostpreußen, wo Rams aufwuchs, wählten die Landarbeiter sozialdemokratisch und die Landbesitzer deutschnational. Heute weiß er nicht mehr, wie in seinem Wahllokal im Seniorenheim Fidicinstraße abgestimmt wird. "Da hat man ja keinen Einfluss drauf." Aber die Wahlbeteiligung, da lässt sich durchaus ein bisschen was machen. Gerade Senioren vergessen doch gerne mal den Wahltermin. Wenn sie nicht von selbst kommen, "dann holen wir sie eben". Nicht, dass sich nachher wieder jemand beschwert, Franz habe nicht Bescheid gesagt, dass wieder Wahltag ist.

Franz Rams kennt viele Wähler persönlich. Da kommt man eben zum kleinen Plausch vorbei und steckt nebenbei den Stimmzettel in die Urne. Nachher summiert sich die Wahlbeteiligung auf 80 Prozent. Soweit zum Thema: Was hilft gegen Wahlmüdigkeit? Eigentlich hatte er ja aufhören wollen, wegen der Gesundheit. "Aber ich habe es nicht geschafft". - "Warum nicht?" - "Ich wollte einfach nicht." "Und das Privatleben?" "Ist eingeengt." Gut, dass Frau Rams auch sozial engagiert ist, in der Behindertenarbeit. Da fällt das mit dem Privatleben nicht so auf. Herr Rams ist übrigens auch noch Vorsitzender des Fördervereins für Senioren- und Behindertenarbeit in Kreuzberg. Dass er selbst längst Senior ist und förderungswürdig, quittiert er mit einem Lächeln. Ein Preuße dient lebenslänglich.

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