Berlin : Waldorfschule in Mitte: Steiner-Pädagogik im Stalin-Bau

Tobias Arbinger

In der ehemaligen Gesamtschule an der Weinmeisterstraße, gegen deren Schließung es im vergangenen Jahr erhebliche Proteste der Schülerschaft gegeben hatte, wird möglicherweise eine Waldorfschule eröffnet. Zurzeit laufen Gespräche zwischen der Waldorfschule in der Dresdner Straße, der an diesem Schulstandort der Platz knapp wird, und dem Bezirksamt Mitte.

Die Schule würde den Lehrbetrieb nach Angaben ihres Leiters Volker Kionke gerne im Schuljahr 2001/2002 aufnehmen. Man plane dort zudem eine Kita und Räume zur Lehrerausbildung. Während Verhandlungen über einen Erbbaurechtsvertrag laut Kionke "in Richtung Einigung" gehen, werfe der Denkmalschutz, unter dem das Nachkriegsgebäude steht, neue Fragen auf.

Das 1953 errichtete Gebäude mit stalinistischen Stilelementen gilt als Baudenkmal und gehört außerdem zum denkmalgeschützten Gebiet der Spandauer Vorstadt. Laut Bezirksamt haben neben dem Äußeren des Hauses auch Innenräume Denkmalschutzstatus. Diese möchte die Waldorfschule aber verändern. Flure und Treppenhäuser seien im Verhältnis zu den Klassenzimmern zu groß und schlecht auszunutzen, sagte Kionke. Die Aula erinnert ihn an einen "typischen sozialistischen Versammlungssaal". Auch die "zu kleine Bühne" würde die Schule gerne umbauen. Es gehe vor allem um praktische Aspekte, die Waldorfästhetik des "organischen Bauens", zu Beispiel der Verzicht auf Ecken, sei "nicht der springende Punkt". Nach Angaben der Unteren Denkmalschutzbehörde muss das Gebäude als nächstes "restauratorisch untersucht" werden. Die Waldorfschule hatte ursprünglich Neubaupläne an der Dresdner Straße. Man habe sie ruhen lassen, nachdem der Bezirk im Frühjahr dieses Jahres den Standort Weinmeisterstraße angeboten hatte, sagte Kionke. Er rechnet mit mindestens acht Millionen Mark Sanierungskosten. In der Dresdner Straße werden zurzeit rund 320 Schüler unterrichtet. Die Waldorfschule ist eine von sechs in der gesamten Stadt. Das pädagogische Konzept der privaten Gesamtschulen fußt auf der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners. Die herkömmliche Begabtenauslese wird abgelehnt, und die Schüler können beispielsweise nicht durchfallen.

Die staatliche Schule in der Weinmeisterstraße war wegen Schülermangels mit der Gesamtschule in der Roßstraße zusammengelegt worden. Überlegungen einer von Eltern, Schülern und Lehrern gegründeten "Kiezwerkstatt", in der Weinmeisterstraße ein Modellprojekt "Neue Schule im Scheunenviertel" mit Klassen übergreifendem Unterricht zu starten, werden nach Angaben von Mittes Bildungsstadträtin Eva Mendl (PDS) so nicht zu verwirklichen sein. Die Initiatoren seien aber mit verschiedenen Grundschulen im Gespräch.

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