"Wanted Witches"-Projekt : Zur Hexenjagd durch Kreuzberg

Früher wären Leute wie Edward Snowden verbrannt worden, sagt das Künstlerduo Various & Gould. Sie haben entflammbare Porträts von ihm und anderen unangepassten Menschen in der Stadt verteilt.

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Zwei Berliner Künstler haben Porträts von Menschen auf Wände gemalt, an denen sich Diskussionen entzünden. Zum Beispiel ist die transsexuelle Drehbuchautorin Lana Wachowski unter ihnen zu finden.
Zwei Berliner Künstler haben Porträts von Menschen auf Wände gemalt, an denen sich Diskussionen entzünden. Zum Beispiel ist die...Foto: JUST (www.1just.de)

Streichholz gezückt, entlang der Hauswand geschrammt und – zisch! – geht Edward Snowden in Flammen auf. Oder vielmehr lässt er das Streichholz entflammen. Das Porträt des derzeit bekanntesten Whistleblowers des Welt hängt versteckt in einer Wandnische des Kunsthauses Bethanien in Kreuzberg und erleuchtet Spaziergänger gleich doppelt. An der Spezialfarbe, mit der das Bild aufgetragen ist, lassen sich Zündhölzer entflammen. Und unter dem Bildnis klären einige Sätze über Snowden und dessen Engagement gegen die Überwachungspraktiken der USA und Großbritannien auf.

Das Porträt Edward Snowdens ist eines von sieben Bildern, die das Friedrichshainer Künstlerduo „Various & Gould“ zwischen Moritzplatz und Mariannenplatz auf Häuserwände tapeziert haben. Various, 31, und ihr Künstlerpartner Gould, 35, haben an der Kunsthochschule Weißensee studiert und machen seit vielen Jahren Straßenkunst. Ihre echten Namen wollen sie lieber nicht nennen, und sich auch nicht fotografieren lassen – aus Angst vor einer Hexenjagd? Das ist Teil des Geheimnisses, mit dem sie sich gern umgeben. Es passt zur Kunst, die sie nun in Kreuzberg verteilt haben.

Kontroverse Gesellschaftsthemen

Various & Gould haben bekannte Menschen porträtiert, die im Mittelalter womöglich als Hexen verbrannt worden wären. Unangepasste Menschen, die wegen ihres Engagements und ihrer Ansichten bei kontroversen Gesellschaftsthemen anecken. Menschen wie Edward Snowden, für die einen gefeierter Held, für die anderen verhasster Geheimnisverräter. Außerdem dabei sind die pakistanische Kinderaktivistin Malala Yousafzai, die wegen ihres Engagements von den Taliban in den Kopf geschossen wurde, und Pussy-Riot-Sängerin Nadezhda Tolokonnikova, die wegen des Auftritts in einer Kirche in ein russisches Arbeitslager verbannt wurde.

„Wir wollten den Begriff Hexe umdeuten“, sagt Various. „Das Wort ist ja auch ein Schimpfwort, mit dem weise Menschen verunglimpft werden.“ So porträtierten die Künstler Personen, an denen sich Kontroversen entzünden – und die Berliner können symbolisch an den Porträts ein Streichholz entzünden. Dazu steht unter den Bildnissen ein kleiner Holzaltar, der mit Streichhölzern und Kerzen bestückt ist. Wer mit seinem Smartphone einen QR-Code scannt, bekommt zusätzlich Informationen mitsamt einer Audiodatei zum Anhören aufs Handy gesendet. Dort steht dann auch, wo sich das nächste Porträt befindet. Denn die Bildnisse können im Stil einer Streetart-Schnitzeljagd entdeckt werden, die beiden Künstler nennen es Hexenjagd. „Hier brennen aber keine Menschen. Die Leute sollen diese Personen kennenlernen“, sagt Gould.

Tour zum Endpunkt Snowden

Los geht die Kreuzberger Hexenjagd in der Luckauer Straße 14 beim Porträt von Malala Yousafzai. Wer kein Smartphone hat, dem verraten orangefarbene Zettel an Laternen in der Nähe den Standort des nächsten Bildnisses. In etwa einer Stunde schaffen es die Schnitzeljäger zum Endpunkt Snowden am Mariannenplatz.

Parallel zur Hexenjagd öffnete am Sonnabend im Stattbad Wedding die dazugehörige Ausstellung „Wanted Witches – Witches Wanted“. Dort sind insgesamt 13 Menschen mit der Zündholzfarbe porträtiert. Various und Gould haben alle Personen, die sie porträtiert haben, angeschrieben und über das Projekt informiert. Manche haben sich sogar zurückgemeldet. „Yoko Ono hat uns geschrieben“, sagt Various nicht ganz ohne Stolz. „Sie hat sich bedankt und gesagt, dass sie sehr gerührt sei.“ Nur zur Vernissage könne sie, schrieb Ono, leider nicht kommen.

Die Ausstellung „Wanted Witches – Witches Wanted“ ist bis zum 30. November im Stattbad Wedding zu sehen, Gerichtsstraße 65, Gesundbrunnen, Dienstag bis Sonnabend 13-19 Uhr, der Eintritt ist frei. www.variousandgould.com

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