Berlin : Was geschieht, wenn man überlebt

Anatol Gotfryd war der Zahnarzt vieler großer Künstler. Eines Tages beschloss er, ein Buch zu schreiben: über seine Jugend im Ghetto

Elisabeth Binder

Überraschungen sind eine Spezialität von Anatol Gotfryd. Vielleicht hat das mit den Extremen zu tun, zwischen denen sein Leben sich abgespielt hat. Seine Kindheit verbrachte er zunächst behütet in einem großbürgerlichen Familienclan in Galizien. Als die Nazis einmarschierten, musste der jüdische Junge im Ghetto mitansehen, wie sein bester Freund von einem Gestapomann von einem Baum heruntergeschossen wurde und verblutete. Dass er sich ausgerechnet in Deutschland niederlassen würde, lag nicht gerade nahe. Aber in den 50er Jahren ging er nach West-Berlin und wurde zum beliebtesten Zahnarzt der großen Künstler. Auf seinem Stuhl in der Praxis am Lehniner Platz lagen unter anderem Rainer Werner Fassbinder, George Tabori, Marika Rökk, Samuel Beckett, Rebecca Horn, Markus Lüpertz, Katharina Thalbach, Harald Juhnke. Als ihn Peter Wapnewski im Alter von 68 fragte, wie lange er noch zu arbeiten gedächte, nahm er die Frage des Mittelalter-Experten als Signal. Einfach aufhören geht aber nicht für einen Menschen, dessen Mutter ihm das Lebensmotto „Immer weiter“ mit auf den Weg gegeben hat. Also schrieb er sein Leben auf. Herausgekommen ist dabei ein Buch, das seinen großen Freundeskreis völlig überrascht hat, weil es unglaublich literarisch geschrieben ist. Woher kann er das?

Was an seinem Buch auffällt, ist die große Detailgenauigkeit. Notizen hat sich der heute 75-Jährige aber nie gemacht. Man hätte ja bei der Geburt anfangen müssen, und als er mal drauf kam, fand er den Zeitpunkt schon verpasst. „Ich komme vom Visuellen her“, erklärt er sein bildreiches Gedächtnis. Beim Schreiben hat er sich vor allem von der bildenden Kunst inspirieren lassen. „Ich wollte wirklich nur berichten“, sagt er. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum die Bilder seiner frühen Jahre so präsent geblieben sind. „Ich habe das alles so gut wie nie erzählt“, sagt er. „Das Emotionale hat sich nicht abgenutzt.“

Vielleicht will er noch einen zweiten Band schreiben. Die Zeit als Zahnarzt am Kurfürstendamm gäbe sicher noch mehr Stoff her, aber darauf wird er gar nicht so gerne angesprochen. Für ihn zählt nur das Jetzt. Er lebt in der früheren Villa des großen Architekten Hermann Muthesius. Vom Schreibtisch aus, wo sein Buch „Der Himmel in den Pfützen“ entstanden ist, blickt er auf Bilder aus dem Frühwerk der damals jungen Wilden Elvira Bach. Amüsiert erzählt er von einer Lesung aus seinem Buch in der Nationalgalerie. Es muss offensichtlich Ovationen gegeben haben: „Ich kam mir vor wie Walter Ulbricht.“

Schließlich holt er doch noch sein voriges Leben hervor, zeigt das Gästebuch aus der Praxis, in das Günter Grass ein Gebiss mit Bleistift zwischen den Zähnen gemalt hat und Wolf-Dietrich Schnurre eine Dicke-Backe-Zeichnung. Andere haben sich einfach nur bedankt. Der amerikanische Environment-Künstler Edward Kienholz hat eine Collage zum Thema Hochzeit reingeklebt mit einem Pornofoto mitten zwischen romantischen Brautpaaren. Eigentlich ist das Buch selber auch schon ein Kunstwerk.

Anatol Gotfryd war immer auch ein Psychologe; Künstler sind schließlich hochsensible Patienten mit einer Neigung zum Hypochondrischen. Es waren übrigens nicht, wie man denken sollte, die Schauspieler, die die besten Zähne hatten, sondern die bildenden Künstler, weil sie auch die größten Selbstdarsteller sind. Die schlechtesten Zähne hat er bei Schriftstellern entdeckt, „weil denen so was einerlei ist.“ Die perfekten weißen Zähne, die er selber beim Lächeln entblößt, sind also auch noch ein Relikt aus seinem alten Leben als Zahnarzt.

Diese Zeit habe er nur deshalb kurz geschildert, „weil der Leser ein Recht hat zu erfahren, was aus solchen Menschen wird“. Aus „solchen Menschen“, wie dem kleinen jüdischen Jungen, dessen ganze festgefügte bürgerliche Welt zusammenbrach, als er sah, wie ein SS-Mann einer schönen jungen Frau einen Knüppel mitten ins Gesicht schlug: „Von der Schläfe bis zum Kinn verfärbt sich ihre Wange in der Breite des Knüppels, und nach wenigen Augenblicken zieht sich eine blutende, wie mit dem Lineal gezogene Schneise über ihr Gesicht.“ Der so plastisch schildert, mit welchen Tricks er sich madenverseuchtes Brot schmackhaft geredet hat, weil es etwas anderes zu essen nicht gab. Er wollte das so schreiben, „wie Edward Hopper malt“, sagt er.

„Es war unglaublich befreiend, nicht mehr verfolgt zu werden“, mit diesem Satz, der wie eine Befreiung auch der Lebensfreude klingt, leitet er die Zeit nach dem Krieg ein. Beschreibt mit Lust und Selbstironie, wie er sein erstes Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln bestellt. Die Lebenslust flackert auch hervor, wenn er die Kunstwerke in seinem Haus erläutert, Lüpertz und George Ricky zum Beispiel, die er so liebt. Dass Polnisch seine Muttersprache ist, hört man von fern. Die Mutter hat aber auch früh schon Deutsch mit ihm gesprochen. „Denn aus dieser engen Welt kam man nur heraus, wenn man Sprachen beherrschte.“

Er serviert selbst gebackenen Kuchen seiner Frau Danka, die mit ihm die Praxis teilte. Zwischendurch stellt er seinen Hund vor: „Saba, wie die Königin“. Dass sein Buch ein beliebtes Geschenk für jüngere Menschen ist, freut ihn besonders.

„Verfolgt worden zu sein, ist kein Privileg, auf dem man sich ausruhen kann“, sagt der 75-Jährige. „Wenn man überlebt, muss man sowieso wieder auf die Matte, das Leben gestalten.“

Anatol Gotfryd: Der Himmel in den Pfützen. Ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm. wjs Verlag. Berlin 2005. 262 Seiten. 22 Euro

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