Was macht die Familie? : Ausflug nach Stettin

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann.

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Die Frau hat sich einen Familienausflug gewünscht. „Muss gar nicht so lange sein, vielleicht für ein Wochenende, in irgendeine größere Stadt, die wir noch nicht kennen, darf aber nicht zu weit weg sein.“ Das klingt ein bisschen wie früher in der Fernsehwerbung für Überraschungseier: Bitte, Mama, bring uns was zum Spielen mit! Und was Süßes! Und spannend muss es sein!

Unser Überraschungsei heißt – Stettin! Die Großstadt, die hier kaum einer kennt, obwohl sie nicht mal 200 Kilometer von Berlin entfernt ist. Der Kleine und der Mittlere meiner drei Jungs sind sofort schwer begeistert – Stettin gibt einen Länderpunkt, denn sie waren noch nie in Polen. Der Große war zwar gerade in Krakau, „aber Stettin ist schon okay, das Meer müsste schon warm genug sein zum Baden.“ Das mag sein, aber die Ostsee ist von Stettin ungefähr so weit weg wie Berlin von Polen, also doch ein Stückchen.

Der Eurocity aus Prag fährt über Südkreuz, Hauptbahnhof und Gesundbrunnen direkt nach Stettin. Der Große kommt auf die großartige Idee, die Zugfahrt mit dem Deutschunterricht zu verbinden. Sie lesen gerade „Nathan der Weise“, und es wäre doch schön, wenn wir die Sprechrollen unter uns aufteilen könnten … Keine gute Idee, verfüge ich als Familienoberhaupt und empfehle ihm, lieber das Grundvokabular unseres Reiseführers zu studieren, denn irgendeiner müsse schließlich die Grundverständigung auf Polnisch gewährleisten. Dieser Vorschlag wird nicht weiter zur Kenntnis genommen und erweist sich in den Augen des Großen ohnehin als überflüssig, als wir nach der Ankunft am Stettiner Hauptbahnhof an einem Ladengeschäft vorbeikommen. Es ist ein Wettbüro, an der Scheibe steht: Bukmachersky. „Total einfach, diese Sprache“, sagt der Große.

Wir sind überrascht, wie wunderbar unaufgeregt dieses Stettin ist. Eine Großstadt mit Boulevards, deren Mittelstreifen noch zum Flanieren einladen, noch nicht umgewidmet zu Parkplatzsonderzonen. Ein bisschen so wie Prenzlauer Berg kurz nach der Wende.

Der morbide Charme des sich andeutenden Verfalls liegt über den sternförmig geschnittenen Plätzen. Der größte und schönste ist der Plac Grunwaldzki, was ich sofort als Referenz an ein Berliner Naherholungsgebiet sehe. Nichts da!, sagt der belesene Große meiner drei Jungs, Grunwald stehe im Polnischen für das Städtchen Tannenberg. Für eine Schlacht, in der die polnisch-litauischen Heere vor ein paar hundert Jahren den Deutschen Orden besiegten. Aber das ist eine andere Geschichte. Sven Goldmann

Es gibt täglich zwei direkte Zugverbindungen Berlin – Stettin.

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