• WAS DER PSYCHOLOGE SAGT: „Kaum etwas ist so schwer zu ertragen wie Ungewissheit“

WAS DER PSYCHOLOGE SAGT : „Kaum etwas ist so schwer zu ertragen wie Ungewissheit“

Foto: privat
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Herr Butollo, für die meisten ist der Tod eines Angehörigen die schlimmste Vorstellung. Was aber machen Menschen durch, wenn jemand verschwindet?

Leider ist das bislang kaum untersucht worden. Vielen ist nicht klar, dass diesen Menschen ein spezielles Leid widerfährt. Ich habe zehn Jahre lang ein Projekt in Bosnien geleitet, in dem wir Angehörige in solchen Situationen psychologisch unterstützt haben. In diesem Rahmen haben wir Frauen befragt, deren Männer entweder im Krieg gefallen waren oder vermisst wurden. Die Unterschiede waren groß: Während die Witwen heftige Trauerreaktionen zeigten, sich dann aber meist erholten, blieben die Frauen, die nicht wussten, was aus ihren Männern geworden war, gleichbleibend belastet. Es blieb eine große latente Unruhe, einige entwickelten Angststörungen oder wurden ganz apathisch, oft zogen sie sich in sich selbst zurück.

Woran liegt das?

Kaum etwas ist psychisch so schwer zu ertragen wie Ungewissheit. Wenn beispielsweise ein Kind einfach verschwindet, die Eltern nicht wissen, was ihm zugestoßen ist, können sie nicht richtig trauern, es fehlt ja der Abschied. Und entscheiden sie sich eines Tages dazu, loszulassen und nicht mehr zu hoffen, plagt sie das schlechte Gewissen, weil sie das Kind in ihrem Herzen haben sterben lassen. Halten sie dagegen daran fest, dass es wiederkommt, ist ihr Leben in einem Schwebezustand eingefroren. Verschwindet ein Erwachsener, weiß man außerdem mit einem Mal nicht mehr, was man gegenüber dieser Person empfinden soll.

Inwiefern?

Ich weiß von einem Mann, der über Jahre hinweg von seinem verschwundenen Bruder träumte. Manchmal sah er ihn mit einer Frau in jedem Arm vergnügt irgendwo in Neuseeland, mitunter hatte er aber auch Albträume, in denen nur noch die Hand des toten Bruders aus der Erde hervorschaute. Und genau das ist es, was passiert, wenn jemand verschwindet: Aus dem vertrauten Gegenüber wird mit einem Mal ein Vexierbild. Vielleicht ist ihm etwas zugestoßen, vielleicht hat er sich aber auch ganz gemein davongemacht. Die Angehörigen schwanken also zwischen Verzweiflung und Wut, und das ist ein so enormer gefühlsmäßiger Spagat, dass sie ihn psychisch kaum ertragen können.

Wie reagiert das Umfeld?

Manchmal meiden die Betroffenen von sich aus Sozialkontakte, weil sie die Frage fürchten, ob es denn irgendwelche Neuigkeiten gebe. Oft ziehen sich aber auch die Freunde und Bekannten zurück. Denn anders als bei einem Todesfall wissen sie hier oft einfach nicht, wie sie sich verhalten sollen. Natürlich wünschen sie den Betroffenen, dass sie den Verlust überwinden. Auf der anderen Seite wollen sie ihnen die Hoffnung nicht nehmen. Es besteht ja immerhin die theoretische Möglichkeit, dass der vermisste Mensch eines Tages doch noch zurückkommt.

Wie kann man denn helfen?

Meist ist das Denken und Handeln der Betroffenen durch Vermeidung gekennzeichnet. Auch wenn ihnen die Ungewissheit nicht guttut, haben sie Angst vor der Wahrheit. Und diese Vermeidung versuchen wir in der Therapie abzubauen. Wir geben den Menschen die Möglichkeit, beide Fälle in der Fantasie durchzuspielen. Was bedeutet es, wenn der Vermisste zurückkommt? Und was bedeutet es für mich und mein Leben, wenn ich ohne ihn weitermachen muss?

Willi Butollo ist

Professor für Klinische Psychologie und

Psychotherapie

an der Universität in

München und leitet dort die Traumaambulanz.

Mit ihm sprach

Verena Hasel.

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