Berlin : Wedding: Beim Zuhören überwinden Kinder ihre Sprachhemmungen

Heike Kunert

Um am Donnerstagnachmittag die Kinder im Wedding in die Bibliothek zu locken, bedarf es keines verführerischen Flötenspiels. Denn jenseits von Pokemon und PC gibt es etwas, was Kinder zu allen Zeiten fasziniert hat: die Welt der Bücher. Auch an diesem Nachmittag drängeln sie erwartungsvoll an der Eingangstür zur Jerusalem Jugendbibliothek. Dort nimmt sie Carmen Stürzel in Empfang und gibt der Faszination ein Zuhause. Die von ihr im vergangenen Jahr ins Leben gerufene Initiative "Lesewelt e.V." hat sich eine Aufgabe gestellt, die einfacher und wirkungsvoller nicht sein kann: Kindern aus ihren Lieblingsbüchern vorzulesen.

Freiwillige Vorleser haben sich schnell gefunden. Studenten, Lehrer, Krankenschwestern oder Rentner scharen die jungen Zuhörer um sich und lassen sie gespannt lauschen. Carmen Stürzel erinnert sich an den türkischen Jungen Adem. Sein Lieblingsbuch war "Das Buch vom großen A". Das große A ist in der Stadt unterwegs und sucht Freunde. Mindestens fünfmal musste Carmen Stürzel die Geschichte vorlesen.

Die Idee "Lesewelt e.V." hat die Sozialpädagogin aus Amerika mitgebracht. Die US-amerikanische Organisation "Beginning with books" stammt aus Pittsburgh und verschafft seit 1984 Kindern aus sozial schwachen Familien den Zugang zu Büchern. Carmen Stürzel hat die Idee in Amerika kennengelernt, deutschen Verhältnissen angepasst und weiterentwickelt.

"Lesewelt e.V." startete im Juni vergangenen Jahres in der "Wilhelm Liebknecht Bibliothek" am Kottbusser Tor mit drei türkische Vorschulkindern. Seit September werden die Vorlesenachmittage in sechs Bibliotheken in den Bezirken Kreuzberg, Wedding, Tiergarten, Neukölln, Hellersdorf und Mitte angeboten. Vor allem türkische Kinder, die oftmals von ihren Eltern gebracht werden, besuchen die Lesestunde. In einer Stadt wie Berlin, in der mehr als 125 000 Türken leben, Tendenz steigend, hat das Projekt "Lesewelt e.V." eine Bedeutung erhalten, die anfangs noch gar nicht absehbar war. Neben Abenteuern in der Bücherwelt und Förderung der Freude am Lesen, werden Kinder nichtdeutscher Herkunftsfamilien spielerisch mit der deutschen Sprache vertraut gemacht. Nicht selten werden Kinder aus solchen Familien eingeschult, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. Zwangsweise verlieren sie das Interesse und die Lust am Unterricht. Sprachlosigkeit verbaut ihnen ihre schulische und damit berufliche Zukunft. Das Resultat: Türken bleiben in Berlin unter sich, treffen sich in ihren Vierteln oder gehen nur in ihren Läden einkaufen. Von Integration kann also keine Rede sein. Die Initiative von Carmen Stützel sollen türkische Eltern auch als Chance für ihre Kinder begreifen, nicht in das soziale Abseits zu rutschen. In den meisten türkischen Familien wird zu Hause nicht Deutsch gesprochen. Vor allem die Mütter als vorrangige Bezugsperson ihrer Kinder sprechen oftmals kein Wort Deutsch.

Für seine Verdienste in der ehrenamtlichen Sprachförderung wurde das Projekt mit dem Integrationspreis der Ausländerbeauftragten des Berliner Senats, Barbara John (CDU), mit einem Hauptpreis in Höhe von 1500 Mark ausgezeichnet. "Trotzdem sind wir auf Spenden angewiesen," sagt Carmen Stürzel, die sich freuen würde, wenn auch der Berliner Senat finanzielle Hilfe zusagen würde. Außerdem sind jederzeit Bücherspenden willkommen, und Vorleser werden immer gesucht.

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