Weddinger Orte (2): Nordufer : Wasser und Himmel

Schöner wird's hier selten: Am Nordufer wendet sich der Wedding von sich selbst ab und blinzelt in die Sonne. Teil 2 unserer Serie "Weddinger Orte".

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Blick von Süden aufs Nordufer, Ecke Torfstraße.
Blick von Süden aufs Nordufer, Ecke Torfstraße.Foto: Flickr / Creative Commons / Kai Wegner

Wenn du Ruhe suchst in der Stadt, geh ans Ende der Sackgasse. Leicht zu erkennen, die rot-weißen Poller, die Fahrradständer, die zwei Cafés, eigentlich sogar drei, auf der anderen Straßenseite ist ja auch noch eins. Hier haben die Häuser Türmchen und die Fahrradwege Wurzeln.

Die großen Bäume am Ufer. Wasser und Himmel und Bäume und Ruhe. Da, wo die Straße endet.

Pekinger Platz nennt sich das, aber ein Platz ist es nicht, eher ein Ort, und an China erinnert schon gleich gar nichts, steht China doch heute für alles, was es hier eben nicht gibt: Lärm, Smog, Gedränge.

Hier am Nordufer wendet sich der Wedding von sich selbst ab und schaut rüber ans andere Ufer. Grüßt die Lastkähne und die Industriehallen, im Wissen, dass es sich hier auf dieser Seite auf jeden Fall viel besser aushalten lässt. Vielleicht ist er ja sogar nirgendwo schöner, dieser Wedding, als hier, an seiner Grenzpromenade.

Wer es bis hierhin geschafft hat, der hat einiges richtig gemacht, der hat Kenntnis bewiesen, Wissen, das nicht in Stadtführern steht oder im Navi, nicht mal im Kopfatlas der meisten Berliner. Hier kommt man nicht mal eben vorbei. Auf dem Weg liegt das Nordufer meist nicht. Das ist es ja.

Lindengarten, Deichgraf, die Namen der Café-Restaurants klingen, als wären sie an der Ostseeküste. Dabei ist auf der anderen Kanalseite schon der Hamburger Hafen, verkleidet als Moabit.

Wellblech. Schlote. Kräne.

The Kräne.

Nicht die komplette Abwesenheit der Großstadt, sondern gerade ihre Sichtbarkeit macht diesen Ort zu dem, was er ist; die Torfstraße hoch ist der dichte Querverkehr der Luxemburger in Blickweite, dessen Getöse sich aber doch nur erahnen lässt.

Und ja, richtig, da liegt im Gras neben dem Radweg ein ausgeweidetes Sofa und ein Stückchen weiter im Gebüsch ein LKW-Reifen. Und ja, da flitzen dann auch in schneller Folge zwei Ratten übers Pflaster und wieder rein ins dichte Ufergrün.

Tachchen, ihr Fauna-Punks!

Idyll bis zum Bauzaun

Richtung Westen geht es zur Naherholung, zum Plötzensee, vorbei an den Hausnummern 16 und 17, Torbögen!, Giebel!, Balkone!, ein Traum in Pastell, Baujahr 1905, und dann an der Außenmauer des Virchow-Geländes vorbei.

Und ostwärts hast du ziemlich schnell einen Bauzaun vor der Nase. Nordufer-Ende, sie verlassen den schönen Sektor. Bauland. Heißt, und das kennt man ja von andernorts, aktuell: Brachland. Unter der riesigen Betonbrücke, die schon länger das Idyll durchschneidet, soll mal die S21 Richtung Hauptbahnhof fahren. Erst mal liegt nur ein umgekippter Kühlschrank am Zaun.

Dann doch lieber wieder umkehren, zurück ans Ufer, an dem auch der Autor Wolfgang Herrndorf die letzten anderthalb Jahre seines Lebens verbracht hat, im Dachgeschoss mit weitem Blick aufs Wasser und den Himmel. So hatte er immer leben wollen, schrieb Herrndorf, und die Ironie des Schicksals, die ihm das schöne Leben erst dann brachte, als dessen Ende schon unausweichlich nahe war, stand gut lesbar zwischen den Zeilen.

Im Mai 2012 zog er ein, kaum zwei Sommer noch hat er hier erlebt, und schon vorher hatte er den Plötzensee für sich entdeckt und auch die Straße, die zu ihm führt, es taucht immer mal wieder auf in seinem Tagebuch, das Nordufer, auf dem man sich über die einfachen Dinge freuen kann, die ganz einfachen wunderschönen Dinge, über die weite Stadt, „über Bäume und Autos und Licht“.

Hier am Kanal, am verlängerten Ufer jenseits der Seestraße, ist er dann auch gestorben, an dem Ort, den er vorher ausgewählt hatte, Blick aufs Wasser und den Himmel, der auch nachts nie ganz dunkel wird über der Stadt.

Und so soll dann auch dieser Text mit einem Herrndorf-Satz enden, einem Satz vom Ufer.

Ach, ist das ein herrlicher Morgen, so kühl, so hell, so diesig, so schiffbefahren.

Fotos: Flickr / Creative Commons / Kai Wegner
Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

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