Weihnachten in Polen : Macht hoch die Tür

Gastfreundschaft ist den Polen wichtig. Am Weihnachtsabend wird ein Gedeck mehr aufgelegt – falls ein Herbergssuchender anklopft. Die Post zum Fest enthält eine Oblate: als Zeichen der Liebe.

 Eva Kalwa

Wenn es im Hause der Familie Prawda ein sicheres Zeichen dafür gibt, dass Weihnachten naht, dann ist es der erhöhte Verbrauch flacher Briefumschläge. Und Jahr für Jahr werden es mehr Briefe mit geweihten Oblaten, die Grazyna Prawda, Ehefrau des polnischen Botschafters Marek Prawda in Berlin, in die halbe Welt verschickt. Denn alle Menschen, denen die gebürtige Warschauerin davon erzählt, wollen teilhaben an dem polnischen Weihnachtsbrauch: Am Heiligabend als Zeichen der Versöhnung und Liebe und im Gedenken an abwesende Familienmitglieder und Freunde das heilige Brot zu brechen. „Diese Tradition stammt noch aus der Zeit, als Polen unter den drei Mächten Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt war und sich die Familienangehörigen in den verschiedenen Landesteilen nicht mehr besuchen konnten“, sagt sie.

Selbst die Tiere bekommen zu Heiligabend Oblaten, nur sind die nicht weiß, sondern gelb oder rosa. Grazyna Prawda erinnert sich, dass ihr Großvater stets vor dem Besuch der Mitternachtsmesse in den Stall ging und die Kühe und Schweine mit den bunten Teigblättchen fütterte. Der Legende nach können die Tiere in dieser Nacht wie Menschen sprechen. Die Tradition gefällt der Frau des Botschafters, und sie führt sie auch in Deutschland fort. Nun freut sich Welsh Spaniel „Vinci“, über die seltenen Leckereien. Allerdings, sagt sie, habe der Hund noch nie in ihrer Anwesenheit oder der ihrer beiden Töchter Amelia (13) und Evelina (17) gesprochen.

Andere polnische Weihnachtsbräuche werden in der Familie Prawda ebenfalls mit Hingabe gepflegt. An jedem Heiligabend liegt ein kleines Stroh- oder Heubündel unter dem weiß gedeckten Tisch. Das erinnert an die Krippe des Jesuskindes und soll im neuen Jahr zu einer guten Ernte verhelfen.

Zwölf Gerichte werden serviert, sobald am späten Nachmittag der erste Stern am Himmel zu sehen ist. Als Fasten essen gibt es am Weihnachtstag kein Fleisch, dafür aber jede Menge Fisch, die Rote-Beete-Suppe Borschtsch, die gefüllten Teigtaschen Piroggi, Sauerkraut mit Pilzen und natürlich viele Süßigkeiten. Und immer ist ein zusätzliches Gedeck vorhanden. Es soll an die heilige Familie auf der Herbergssuche erinnern und ist Teil des Gedenkens an die Verstorbenen. „Außerdem wartet der unbenutzte Teller auf jeden einsamen Menschen, der an die Tür klopft und um Gastfreundschaft bittet“, sagt Prawda.

Jedes Jahr in der Adventszeit steht auch eine große Krippe aus Holz, Pappe und Stanniolpapier im Haus der Botschafterfamilie. Die Tradition der polnischen Weihnachtskrippen geht auf das 19. Jahrhundert zurück. Oft haben sie einen spaßhaften, satirischen Charakter, da neben den klassischen Figuren auch Personen der Zeitgeschichte dargestellt werden. „Diese Krippen sind sehr beliebt, sie stehen als Geschenk unter dem Weihnachtsbaum“, sagt Grazyna Prawda.

In diesem Jahr wird sie Weihnachten in Berlin feiern, nur ihre Töchter fahren zu den Großeltern nach Polen. „Die betagten Eltern allein im Heimatland, das ist leider das Schicksal vieler Diplomatenfamilien“, sagt sie mit leiser Stimme. Die Oblaten übrigens sind schon längst verschickt.

Hätten Sie Freude an einem vorweihnachtlichen Besuch der polnischen Botschaft? Grazyna Prawda, Frau des Botschafters, öffnet für eine Gruppe von Tagesspiegel-Lesern die Türen zur Repräsentanz, Lassenstr. 19-21, Grunewald am Freitag, 19. Dezember, 15.30 Uhr. Auf dem Programm stehen eine kleine Führung und Gespräche bei Tee und polnischen Spezialitäten. 30 Personen können dabei sein, der Tagesspiegel verlost die Plätze. Bewerbungen sind nur per E-Mail möglich unter verlosung@tagesspiegel.de (Stichwort „Polen“). Einsendungen werden berücksichtigt bis Donnerstag, 18. Dezember, 12 Uhr. Bitte Vor- und Zuname, Adresse, Geburtsdatum und -ort nennen. Die Angaben werden für die Anmeldung bei der Botschaft benötigt. Die Gewinner benachrichtigen wir per E-Mail.

Letzte Folge am Freitag: Nicaragua

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