Berlin : Weil Helfen Spaß macht

Am Berliner Freiwilligentag engagierten sich Berliner überall in der Stadt

Annette Kögel

Tine Özçelik hat vor Kälte schon bläuliche Lippen und eine rote Nase. Doch die 34-jährige Uni-Mitarbeiterin aus Lichtenberg will sich keine Jacke überziehen, „die Leute sollen doch das T-Shirt mit dem Logo sehen“. Koepjohann’sche Stiftung steht darauf, und bei dieser einst für Seemannswitwen gegründeten Stiftung engagiert sich die türkischstämmige Sprachwissenschaftlerin regelmäßig im Seniorenbesuchsdienst. Heute aber hat sie sich mit ihrer 24-jährigen Ehrenamtskollegin Janine Schekira aus Mitte, im Arbeitsleben Konditoreifachverkäuferin, einen Bauchladen umgehängt. Die beiden verkaufen Holzschiffchen, die Stiftung will langfristig einen behindertengerechten Dampfer anschaffen. Die Aktion findet passenderweise statt am Schiffbauerdamm, und sie ist eine von 66 Projekten in der ganzen Stadt am gestrigen 7. Berliner Freiwilligentag zum Auftakt der Woche des bürgerschaftlichen Engagements.

Den beiden geht es wie vielen der 900 000 Ehrenamtlichen in Berlin: „Wir wollten was für andere machen, und mit älteren Menschen zu reden, bereichert einen selbst und macht total Spaß.“ So geht es auch Mehran Fatehi, die leuchtende Augen bekommt, als sie von ihren Begegnungen erzählt. „Viele Ältere sind einsam, schütten sich bei mir ihr Herz aus, schimpfen über Ausländer – und dann sage ich: Ich bin doch auch einer!“ Unter der Woche arbeitet die 46-jährige iranischstämmige Kreuzbergerin in einer Frauenberatung. Am Freiwilligentag hat sie Gartenhandschuhe übergezogen und beschneidet inmitten von Stockrosen, Flox und Septemberkraut das Vorgartengrün des Besuchsdienstbüros von „Freunde alter Menschen e. V.“ in der Kreuzberger Hornstraße.

Es engagieren sich zunehmend viele jüngere Menschen, sagte Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke) während ihrer Tour gestern durch die Stadt. „Und Stadtteilzentren und Nachbarschaftshäuser schaffen die Rahmenbedingungen dafür.“ Arbeitsplätze würden so nicht wegrationalisiert, aber das gesellschaftliche Leben werde durch einzigartigen persönliche Einsatz bereichert. Knake-Werner: „So was kann man nicht kaufen.“ So etwas wie den Esprit von Gudrun Otto-Meinhold. Die Diplompädagogin und Teamleiterin vom ambulanten Hospiz Visite hat wochenlang Lindenblüten und Lavendel, Hopfen und Schafgarbe gesammelt. Jetzt füllen Ehrenamtliche wie Rolf Fischer in der Wallstraße in Mitte Duftkissen für Angehörige von todkranken Kindern. „Ich bin Jurist, Journalist, Finanzfachmann – und mit fast sechzig arbeitslos geworden. Und ich sitze ungern untätig rum“, sagt Fischer. Michael Schaffner ist seiner Frau zuliebe mitgegangen. Jetzt bastelt der Firmengeschäftsführer eine Grußkarte für einen Strafgefangenen in Tegel. Im Kreativ-Treff der Freien Hilfe Berlin e. V. an der Brunnenstraße in Wedding klebt er zwischen Farben und Pinseltöpfen eine Collage aus Alpen- und Wüstenfotos. „Nachher gefällt mir die Karte noch so gut, dass ich sie selbst behalte“, scherzt Schaffner.

Mehr Infos zum Ehrenamt: Treffpunkt Hilfsbereitschaft, Tel. 20 45 06 36, sowie im Internet unter www.engagement-macht-stark.de

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