Berlin : Weiße Frau mit gelber Seele

Forscherin, Sängerin, Abenteurerin: Alexandra David-Néel durchstreifte Asien und gelangte bis zum Palast des Dalai Lama

Silke Zorn

Sie habe zwar eine weiße Haut, aber eine gelbe Seele: Das soll der Vater von Alexandra David-Néel über seine asienbegeisterte Tochter gesagt haben. Über zwanzig Jahre ihres Lebens verbringt die Französin in Tibet, Nepal, China und Japan – in Gegenden, in die sich zur damaligen Zeit kaum ein männlicher Reisender wagte.

1868 wird sie in Saint-Mandé in der Nähe von Paris geboren. Kindheit und Jugend verbringt sie in Paris und Brüssel und erhält die für höhere Töchter standesgemäße Erziehung. Als junge Frau lässt sich Alexandra David, wie sie damals noch hieß, zur Sopranistin ausbilden und studiert an der Pariser Sorbonne am Institut für orientalische Sprachen. Schließlich tritt sie ihre erste große Reise an, die sie aus der Erbschaft einer Tante finanziert: Zweieinhalb Jahre reist die junge Frau durch Indien und Ceylon. Zurück in Paris hält sie sich mit Artikeln für sozialistische Zeitungen über Wasser und tritt als Opernsängerin in der Provinz und später auch in Tunis auf. Dort lernt sie ihren späteren Mann kennen, den wohlhabenden Ingenieur Philippe Néel.

1911 ist es schließlich so weit: Alexandra David-Néel, inzwischen 43 Jahre alt, tritt ihre zweite Asienreise an – ihren Mann sollte sie erst vierzehn Jahre später wieder sehen. Allerdings schreiben sich beide Tausende von Briefen, in denen die Reisende von ihren Erlebnissen berichtet – und in regelmäßigen Abständen die nächste Finanzspritze einfordert.

Die Briefe zeugen aber auch davon, dass die Zeit ihres Lebens rastlose Frau in Asien endlich ihren inneren Frieden findet. Sie erforscht und praktiziert den Buddhismus, durchstreift Ceylon, Indien, Nepal, Sikkim und Tibet, China und Japan. Sie besucht Klöster und Tempel, Mönche und Kirchenfürsten. Zuerst begegnet man der außergewöhnlichen Europäerin mit Erstaunen, dann mit Hochachtung. So erhält sie als einzige Frau in der Geschichte Tibets das Recht, in einer Mönchsrobe mit den Insignien eines höheren Gelehrten aufzutreten. 1913 lernt Alexandra David-Néel den 15-jährigen Yongden kennen, einen Lama der Rotmützen-Sekte, der sie von nun an vierzig Jahre lang begleitet; später wird sie ihn sogar adoptieren.

Bei all ihren Expeditionen und Abenteuern lässt Alexandra David-Néel ein Gedanke nicht los: Sie will Lhasa sehen, die Hauptstadt Tibets, eine Stadt, deren Betreten für Ausländer bei Todesstrafe verboten ist. Als Arjopa, als Bettelpilgerin verkleidet, macht sie sich im Winter 1923 mit Yongden auf den Weg. Sie reist mit kleinster Ausrüstung, selbst einfaches Essbesteck hätte sie als Ausländerin verraten, Waffen und Geld muss sie am Körper verstecken, ihr braunes Haar und ihre helle Haut fortwährend dunkel halten. Vier Monate sind David-Néel und ihr Begleiter unterwegs, müssen Grenzposten überlisten, unwegsame Gebirgszüge überqueren, Schneestürmen trotzen und auch schon mal Räuber in die Flucht schlagen (siehe Reisebericht auf dieser Seite). Zu den Neujahrsfeierlichkeiten treffen sie in Lhasa ein und gelangen in ihrer Verkleidung sogar bis in den Potala, den Palast des Dalai Lama. Diese Reise macht Alexandra David-Néel zur internationalen Berühmtheit.

Die dritte Asienreise unternimmt sie 1937, inzwischen fast 70-jährig. Mit Yogden reist sie über die Sowjetunion nach China. Doch Ausländer sind dort nicht gern gesehen und Krieg zwingt die Reisenden zur Flucht; sechs Jahre müssen sie in Ta-tschien-lu nahe der tibetischen Grenze verbringen, bis sie nach Indien ausreisen können. Es war Alexandra David-Néels letzte große Reise, Asien sollte sie nicht mehr wiedersehen – wenngleich sie sich voller Optimismus noch kurz vor ihrem 102. Geburtstag den Reisepass verlängern ließ.

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