Berlin : Weiße Rosen, königsblaue Krawatte

Prinz Harry, der Enkel der Queen, besucht an seinem zweiten Tag in Berlin die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße

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Am Sonntagmorgen steht eine fahle, gelbliche Wintersonne über den Resten der Berliner Mauer. Einige Touristen nutzen sie als Kulisse für ein Erinnerungsfoto, sonst ist hier an der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße um zehn Uhr noch nichts los. Nur ein Mann schippt eifrig Schnee von dem Weg, der zu dem hohen Gebäude mit der Aussichtsplattform führt – so sorgfältig, dass einige Passanten stutzig werden: Macht er das etwa jeden Tag so gründlich? Nein, denn die vorbildliche Schneebeseitigung dient der Vorbereitung eines hohen Besuchs: In einer Stunde wird Prinz Harry an der Gedenkstätte erwartet.

Die Nummer drei der britischen Thronfolge war an diesem Wochenende erstmals in Berlin. Anlass des Besuchs war die Benefiz-Gala „Ein Herz für Kinder“ am Samstagabend, wo dem Prinzen das „Goldene Herz“ für sein Engagement für HIV- und Aidswaisen im afrikanischen Lesotho verliehen wurde. Am Sonntag früh besuchte der 26-Jährige nur wenige Schritte von seinem Hotel, dem Adlon, entfernt mit dem britischen Botschafter Simon McDonald zunächst das Brandenburger Tor. Dann ging es weiter zur Bernauer Straße.

Hier kommt Prinz Harry gegen 11 Uhr an, begleitet von einem Pulk Sicherheitsbeamter und Botschaftsmitarbeiter, die der schlanke Mann mit dem dunklen Wintermantel und der königsblauen Krawatte um sich herum gar nicht wahrzunehmen scheint. Ernst und konzentriert lauscht er, als der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, ihm auf der eisig umwehten Aussichtsplattform einen kurzen Überblick über die Geschichte der Grenzanlage gibt. Prinz Harry erkundigt sich nach den Motiven der DDR-Flüchtlinge und äußert sein Unverständnis darüber, wie die Mauer überhaupt so lange habe bestehen können. „Der Prinz war sehr interessiert an den damaligen Lebensumständen und wirkte ausgesprochen empathisch auf mich“, beschreibt Klausmeier seinen positiven Eindruck. Den gewinnen auch die wenigen Besucher, die sich um diese Uhrzeit bereits in der Gedenkstätte aufhalten und Prinz Harry beobachten, wie er sich historische Filmaufnahmen über den Mauerbau und die Fluchtversuche anschaut. „Ein ganz normaler junger Mann, sehr sympathisch”, flüstert einer in sein Handy.

Nachdem der „junge Mann“ sich mit den Worten „What a fantastic visit. Thank you. Harry” im Gästebuch verewigt hat, überreicht ihm Klausmeier als Erinnerung ein Stück der 1985 an der Bernauer Straße gesprengten Versöhnungskirche. Dann geht es wieder hinaus, zum Fenster des Gedenkens für die Todesopfer an der Mauer. Es fängt an zu schneien, als Prinz Harry hier im knöchelhohen Schnee einen Kranz mit weißen Rosen niederlegt. Zu Ehren der Menschen, „die in ihrem Streben nach Freiheit das höchste Opfer“ gebracht haben, wie in Harrys Handschrift auf der beigefügten Karte zu lesen ist. Danach ist nicht mehr viel Zeit. „Ich möchte bald wieder nach Berlin kommen”, sagt Prinz Harry noch. Dann steigt er in das schwarze Auto der Botschaft, das ihn später am Nachmittag zum Flughafen bringen wird. Denn egal, wie streng der Winter ist: Prinzen dürfen immer fliegen. Eva Kalwa

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