Berlin : Welche Kerze kommt jetzt?

Rechtsherum oder linksherum: Eine Expertin erklärt, wie man die Adventslichter korrekt anzündet

-

Heute ist der zweite Advent. Und jetzt? Wer hat schon das Feuerzeug in der Hand, um die zweite Kerze zu entzünden? Welche soll die zweite Kerze sein? Soll es die neben der ersten oder die gegenüberliegende sein? Sollen wir sie auspusten nach einer Stunde und einer anderen die Chance geben, um die Harmonie gleichlanger Stummel zu wahren? Und: Dürfen wir auch alle auf einmal anzünden? Das kann zur Streitfrage, zur Gewissensfrage werden. Gibt es eine katholischkorrekte Kranzregelung? Eine für Ästheten? Oder vorgeschriebene Kerzenfarben? Hier eine Bedienungsanleitung zum Adventskranz. Wir danken der Expertin: Sigrid Nagy, Berlinerin und Verfasserin des Buches „Der Adventsbaum. Ein evangelischer Verheißungsbrauch“.

Frau Nagy, wie ist es denn nun? Gibt es Vorschriften für die Reihenfolge der abzubrennenden Kerzen?

Will man es historisch korrekt machen, dann sollten nicht alle Kerzen auf einmal angezündet werden, sondern immer mehr, je näher das Weihnachtsfest rückt, damit das Licht immer heller auf Jesu fällt. Ob nun jede Kerze nacheinander so lange angezündet wird, bis sie auf Höhe der anderen ist oder ob man nun immer die gleichen ganz runter brennen lässt – das sollen doch alle so machen, wie sie wollen, so, dass es keinen Streit gibt. Das wäre sicher im Sinne desjenigen gewesen, der diesen liturgischen Brauch eingeführt hat.

Wer war das?

Johann Hinrich Wichern hieß er, ein Hamburger Pastor. Im Jahr 1839 hat er in seinem Waisenhaus, dem Rauhen Haus, den Brauch eingeführt, rund um die Orgel jeden Tag eine Kerze anzuzünden und dazu einen alttestamentarischen Vers aufzusagen: einen Verheißungsspruch, der von Jesu Wiederkunft handelte. Für jeden Tag eine – das waren also 24 bis 28 Stück. Später hat er die Kerzen in einen ganz normalen Deckenleuchter gesteckt, der mit Tannengrün geschmückt wurde.

Und wann wurde aus dem Leuchter der Adventskranz?

Erst nach dem Ersten Weltkrieg. Die Reduzierung auf vier Kerzen geschah übrigens aus Sparsamkeit und wurde durch die evangelische Jugendbewegung vorangetrieben. Verbreitet haben den Kranzbrauch die Männer, die Wichern als seine Brüder, als Helfer, heute würde man Diakone sagen, ausgebildet hat. Übrigens hat Wichern auch in Berlin gelebt. Friedrich Wilhelm IV. hatte ihn hierher geholt. Hier hat Wichern das Spandauer Johannesstift gegründet, zu dieser Zeit war es allerdings noch in Plötzensee.

Wenn man es denn korrekt machen will – gibt es eine vorgeschriebene Kerzenfarbe?

Nein, es ist Quatsch, wenn Menschen rote Kerzen nehmen, weil sie das assoziieren mit dem Blut Christi. Johann Hinrich Wichern hat damals für die Wochentage weiße genommen und für die Sonntage rote. Aber wenn ich mich recht erinnere, dann waren auch bunte Kerzen darunter. Blau, grün, orange – das ist eine Geschmacksfrage.

Katholischer oder evangelischer Kranz – gibt es da einen Unterschied?

Die Katholiken kennen den Adventskranz noch nicht so lange, erst seit den 30er Jahren. Und außerdem gibt es dort den Brauch, den Adventskranz segnen zu lassen .rcf

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben