Berlin : Welt-Aids-Tag: Die vergessene Gefahr

Fatina Keilani

Berliner Prostituierte schlagen zum "Welt-Aids-Tag" Alarm: Immer mehr ihrer Kunden verlangen Sex ohne Kondom. Dabei ist die Gefahr, sich mit der tödlichen Krankheit Aids zu infizieren, heute größer als früher. "Schon seit einiger Zeit fragen Freier verstärkt danach", bestätigt Andrea Petsch von der Hurenvereinigung Hydra. "Das Thema Aids ist einfach nicht mehr so in den Köpfen. Man liest ja immer weniger darüber, und viele denken auch, dass es nur Randgruppen betrifft."

Diese Annahme erweist sich jedoch als falsch, wenn man einmal betrachtet, wie viele Menschen jeden Tag sexuelle Dienste anbieten oder in Anspruch nehmen - und sich dabei möglicherweise unnötig in Gefahr bringen. Bundesweit schaffen nach offiziellen Schätzungen rund 400 000 Frauen an, sie werden täglich von 1,2 Millionen Freiern besucht. Die Berliner Gesundheitsverwaltung schätzt, dass in Berlin 10 000 Frauen als Prostituierte arbeiten. Genaue Zahlen gibt es nicht - was nach Ansicht von Hydra in Ordnung ist, da es heißt, dass Prostituierte nicht registriert werden.

Ellen Weiss betreibt ein Domina-Studio in Berlin. Sie hält den Wortlaut der einschlägigen Kleinanzeigen in Boulevardzeitungen und Stadtmagazinen für ursächlich. "Bis vor einem dreiviertel Jahr war das noch nicht so schlimm", sagt sie, "aber seitdem sind die Annoncentexte immer krasser geworden, zum Teil richtig pornographisch. Und seitdem werden auch die Kundenwünsche immer extremer." Sie sei die Einzige, die mit "gesundheitsbewusstem" Sex werbe - womit gemeint sei, dass Kondom Pflicht ist.

In der männlichen Prostitution sind Kondome schon immer weniger verbreitet gewesen als bei den Frauen. Dabei sind vor allem Männer gefährdet. Von den 4339 registrierten Aidskranken in Berlin sind nur 429 Frauen. "In der Männerprostitution nimmt die Zahl derer, die auf einem Kondom bestehen, derzeit zu - besonders bei den Ausländern", sagt Sergio vom Projekt Subway, das sich um junge Stricher kümmert. Wie er nennen in der Szene die meisten ihren Nachnamen nicht. "Die Ausländer, die jetzt kommen, sind viel aufgeklärter als die, die vor Jahren kamen", stellt Sergio fest. Trotzdem fehle es weiter an Information: "Es gibt viele, die sich um nichts in der Welt auf eine Klobrille setzen würden aus Angst vor Aids, aber mal ohne Gummi für normal halten."

Felicitas Weigmann, Betreiberin des Café Pssst, kann die Ohne-Gummi-Fraktion verstehen. "Das Kondom ist einfach eine Lustbremse", sagt sie. "Ich habe deshalb schon gar keinen Spaß mehr an dem Job." Sie wisse selbst, dass es nicht sehr vorbildlich sei, das zu sagen, "aber so ist es nun einmal." Ihre Mitarbeiterinnen seien aber vorsichtig. Viele Männer bestünden neuerdings auf Oralsex "ohne" - und würden dann weggeschickt.

Jeder fünfte in Deutschland lebende Aids-Kranke wohnt in Berlin, 13 000 Menschen sind infiziert. Pro Jahr stecken sich 500 weitere an. Anders als in Brandenburg ist die Zahl konstant. Gesundheitssenatorin Gabriele Schöttler (SPD) warnte am Freitag vor Sorglosigkeit. Denn die Krankheit ist immer noch garantiert tödlich - die Medizin kann bisher nur das Warten auf den Tod etwas erträglicher machen.

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