Berlin : Weltenbummler auf der Durchreise

Der Cirque du Soleil feiert mit „Dralion“ heute Abend Deutschlandpremiere. Gerry Regitschnig spielt den etwas anderen Clown

Sandra Stalinski

Einen richtigen Clown stellt man sich eigentlich anders vor. Von roter Nase, übergroßen Schuhen und kunterbunten Anzügen ist nicht viel übrig bei Gerry Regitschnig. „Ich spiele nicht diesen Klischee-Tolpatsch, der auf der Bühne herumstolpert und die Leute zum Lachen bringt.“ In seinem schwarzen Trainingsanzug sieht er eher aus wie einer der Bühnenpacker. Das Einzige, was an ihm noch an den klassischen Zirkusclown erinnert, ist das fehlende Haupthaar.

Auch sonst ist im Cirque du Soleil, mit dem Gerry die nächsten fünf Wochen in Berlin gastiert, alles ein bisschen anders als in einem gewöhnlichen Zirkus. Die Show, die heute Abend ihre Deutschlandpremiere feiert, heißt Dralion. Der Name steht für eine Mischung aus traditionellen chinesischen Drachen- (dragon) und Löwentänzen (lion), die in dem Stück mit moderner Zirkusakrobatik variiert werden. Die vier Elemente, Erde, Luft, Feuer und Wasser, nehmen hier in den Artisten menschliche Gestalt an.

Gerry ist einer der drei Clowns in dem Spektakel. Seine Rolle beschreibt er als Sequenzen eines Schwarz-Weiß-Films, die immer wieder die farbenprächtige Traumwelt durchbrechen. Das bilde den Kontrast zur bunten Show und gönne dem Publikum eine Art Verschnaufpause. „Wir sorgen für die Realitätsmomente in dieser Fantasiewelt und stehen eher für das Menschliche.“ Die Komik entstehe dadurch, dass den drei Außenseitern immer das passiere, was nicht passieren sollte – darin liegt gleichzeitig auch die Tragik. „Solche Figuren könnte man auch auf der Straße treffen.“

Genau das ist für den 40-Jährigen das Faszinierende an dieser Rolle und an seinem Dasein als Clown überhaupt: die Vielseitigkeit der Charaktere und in jedem Stück in jemand anderen zu schlüpfen. Vor allem aber, in die Extreme gehen zu können. „Ich bin gerne so der Verrückte, das ewige Kind und liebe es, auf der Bühne einfach grauslich zu sein“, sagt er und schneidet beim Wort „grauslich“ clownesk eine Grimasse. Man müsse nicht schön sein. Schön findet er vielmehr, wenn die Leute in der ersten Reihe zurückschrecken und denken: „Was ist denn das für einer?“

Schon mit zwölf Jahren, als er im Zirkus Knie in der Schweiz die Clowns sah, stand für ihn fest: „Eines Tages werde ich einer von denen sein.“ Was seine Eltern damals als albernen Kindertraum abtaten, wurde für ihn zehn Jahre später zur Wirklichkeit. Zwar hätten sie sich gewünscht, dass er erst mal eine „richtige Lehre“ macht, doch Gerry besuchte stattdessen eine Schauspielschule, lernte Theatertechnik, Tanz und Pantomime. Seit 20 Jahren arbeitet er in wechselnden Engagements als Clown, 1992 zum ersten Mal beim Cirque du Soleil.

Geboren in Österreich, aufgewachsen in der Schweiz und danach ununterbrochen durch die ganze Welt getourt, ist er nirgends wirklich zu Hause. „Man ist eben immer mit Koffer unterwegs und versucht sich da zu Hause zu fühlen, wo man gerade ist.“ Aber manchmal sehne er sich schon nach einer festen Bleibe, einer eigenen Familie vielleicht. Auch wenn seine Familie momentan der Zirkus ist. „Wir leben und reisen zusammen, haben auch unsere Probleme untereinander.“ Da könne es auch schon mal ziemlich eng werden. Viel Platz für Privatsphäre sei da nicht.

Doch Gerry ist mit Haut und Haaren Weltenbummler. Mehr als zwei Jahre denkt er nicht voraus. „Ich bin so ein Arbeitstier. Momentan bin ich hier und dann lasse ich mich einfach überraschen vom nächsten Angebot.“ Der Ort, an dem er seither am längsten gelebt hat, ist Berlin. Vor seinem aktuellen Engagement bei Dralion spielte er sechs Jahre in der Dinnershow von Pomp Duck and Circumstance. Berlin sei eine der spannendsten Städte in Europa, weil sich hier immer etwas verändere. Ob er sich vorstellen könne jetzt sesshaft zu werden, Familie zu gründen und hier zu bleiben? „Nee! Jetzt fängts doch erst richtig an. Vielleicht einen zweiten Koffer haben in Berlin. Das wäre schön.“ Als Nächstes gehts jedenfalls für 18 Monate nach Japan.

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