Berlin : Weltkongress der Lehrer in Neukölln 1800 Pädagogen tagen

im Hotel Estrel

Uwe Schlicht

Am Sonntag beginnt in Berlin der fünfte Weltkongress der Bildungsinternationalen (EI). Die Bildungsinternationale ist die weltweite Dachorganisation von Bildungsgewerkschaften und Lehrerorganisationen und vertritt die Interessen von mehr als 30 Millionen Beschäftigten. Entsprechend prominent ist die Rednerliste auf der Eröffnungsveranstaltung besetzt: mit Bundespräsident Horst Köhler, dem EI-Vorsitzenden Thulas Nxesi und dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz Jürgen Zöllner. Am zweiten Kongresstag im Berliner Estrel-Center wird der UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz reden. Die Veranstalter rechnen mit 1800 Delegierten.

Die Bildungsinternationale mit Sitz in Brüssel ist 1993 gegründet worden. Angesichts ihrer weltweiten Sicht stehen bei der „Education International“(EI) andere Fragen im Mittelpunkt, als sie deutsche Lehrergewerkschaften beschäftigen: zum Beispiel die Situation von Lehrern und Kindern, die an Aids erkrankt sind, die Lage der Kindersoldaten, die Diskriminierung junger Mädchen.

Die EI hat ein Hilfsprogramm für mit Aids infizierte Lehrer aufgelegt, das von 46 Lehrergewerkschaften in 35 Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und der Karibik unterstützt wird. In Kenia und Uganda sterben 25 Prozent der Lehrer frühzeitig an Aids.

Die Organisation Education International hat ein Barometer über den Stand der Menschenrechte und der Gewerkschaftsrechte weltweit veröffentlicht. Das Ergebnis ist erschütternd: Nach wie vor gebe es beim Zugang zur Primarbildung große Geschlechtsunterschiede, auch Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen sei sowohl in den Industrieländern als auch in den Entwicklungsländern weit verbreitet.

In Afghanistan sei der Lehrer Safia Arna im September 2006 erschossen worden, weil er sich dafür eingesetzt hatte, afghanische Mädchen zurück in die Schulen zu bringen und sie für eine Berufsausbildung fit zu machen. Im lateinamerikanischen Staat Kolumbien seien die Lehrer deswegen besonders gefährdet, weil sie in den Gemeinden zu den am besten Gebildeten gehörten und daher oft die Rolle der Sprecher gegenüber multinationalen Unternehmen bei der Verletzung von Menschenrechten übernähmen. Attacken gegen Lehrer, Studenten und in der Bildung Beschäftigte gebe es auch im Irak, im Iran, in Äthiopien, in Sri Lanka und im russischen Beslan.

Zu den Grundsätzen der EI gehören die Aussagen: Jedes Kind habe unabhängig von Geschlecht, Sprache, ethnischer Herkunft, Religion oder Hautfarbe ein Recht auf Bildung. Daher verwundert es nicht, wenn die EI auch hoch entwickelte Länder kritisiert, wo die Kinder von nicht anerkannten Flüchtlingen vom Schulbesuch ausgeschlossen blieben. Das gelte besonders für Australien. Kanada wird beschuldigt, nicht genügend für die Bildung der indianischen Ureinwohner zu tun. Die EI prangert außerdem die Situation in einigen Ländern Europas an: In Frankreich und Belgien könnten muslimische Mädchen, die das Kopftuch tragen, nicht die Schule besuchen.

Der Präsident der EI, Thulas Nxesi aus Südafrika, wird auf der Eröffnungsveranstaltung alarmierende Zahlen bekannt geben: Weltweit würden Millionen von Lehrern so schlecht bezahlt, dass sie ein Leben unter der Armutsgrenze führen müssten. Und es gebe einen Lehrermangel, den Nxesi auf 13 Millionen in den Entwicklungsländern und fünf Millionen in den Industrieländern beziffert. Uwe Schlicht

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